Mit Bildern lernen. Die Dessauer Philanthropen und die Entstehung des illustrierten Schulbuchs
Der Gründer des Dessauer Philanthropins, Johann Bernhard Basedow, war ein Wegbereiter des illustrierten Jugend- und Schulbuchs. Bilder als Lehrmittel einzusetzen ist eine bis ins Mittelalter zurückreichende Idee. Erst im 17. Jahrhundert aber war es möglich, Bilderbücher für ein breites Publikum herzustellen. Unübertroffene Verbreitung erreichte der Tscheche Johann Amos Comenius. Der vielseitige Gelehrte und Bischof der Böhmischen Brüder verfaßte den 1658 erstmals erschienenen "Orbis Pictus". Schulunterricht sollte die Sinne der Schüler ansprechen und durch "Anschauung und Versuche" lehren.1 Mit dieser "Realienpädagogik" brach Comenius radikal mit der herkömmlichen Lehrweise. Im "Orbis Pictus" sind einfachen Holzschnitten Erläuterungen beigegeben, zumeist in lateinischer und Landessprache. Vielfältig sind die behandelten Themen, von Natur- zur Sach- und Gesellschaftskunde. Bis ins 20. Jahrhundert wurde der "Orbis Pictus" als Sprachlehre verwandt und über 240 mal in verschiedenen Sprachen aufgelegt. Somit ist der "Orbis Pictus" ein wichtiger Vorläufer der bebilderten Lehrbücher der Aufklärungszeit.
Noch im 17. Jahrhundert wuchs die Nachfrage nach Lehrbüchern. Kinder wohlhabender Bürger konnten aus Büchern lernen, die mit Kupferstichen reichlich ausgestattet waren. Dagegen wurde der "Orbis Pictus" stets mit groben Holzschnitten versehen. Ein frühes Beispiel dieser opulent ausgestatteten Werke heißt "Neu-eröffneter Historischer Bilder-Saal" (1692) des Andreas Lazarus von Imhof (1656-1704), der Geschichten aus der Weltgeschichte für die Jugend bearbeitet und mit über 900 Illustrationen anreichert. Das Muster dieses Buches ist die bereits aus der Frühzeit des Buchdrucks bekannte Weltchronik. Wird im Fall des "Bilder-Saales" also eine überkommene Literaturform für die Jugend aufbereitet, so gehen spätere Werke andere Wege. Von der Aufklärungsphilosophie geprägt ist das mehrbändige Werk des Franzosen Antoine Pluche, der "Schau-Platz der Natur", in sieben Bänden von 1746 bis 1754 erschienen. Pluche spannt den Bogen von der Tier- und Pflanzenwelt über die Geschichte hin zur Zivilisation der Gegenwart. Illustrationen geben naturgetreu und klar das Aussehen der Dinge und Lebewesen wieder und erläutern die Funktionsweise von Geräten und Techniken.2 Eine der ersten Erfolgsautorinnen der Jugendliteratur war ebenfalls Französin, Jeanne Marie LePrince de Beaumont (1711-1780). Ihr "lehrreiches Magazin für Kinder zu richtiger Bildung ihres Verstandes und Herzens" (1758) wurde "für die deutsche Jugend eingerichtet und mit den nöthigen Kupfern versehen" und erlebte mehrere Auflagen. Zwar kritisierten Reformpädagogen die Vermischung unterschiedlichster Themen in ihren unterhaltsam geschriebenen Lehrgesprächen, unter ihnen Johann Bernhard Basedow. Sie übernahmen dennoch Motive und Vermittlungsformen ihres Magazins. Auch Joachim Heinrich Campe entlehnte bei LePrince de Beaumont die Form des väterlichen Gesprächs als Rahmenhandlung, unter anderem im "Sittenbüchlein für Kinder aus gesitteten Ständen" (Dessau 1777).3
Mit Johann Bernhard Basedows "Elementarwerk" (1770-1774) erschien schließlich ein Werk, das den Stellenwert von Text und Bild im Buch gegenüber seinen Vorläufern umkehrte.4 Basedow veröffentlichte den ersten Teil als "Elementarbuch", ehe er 1171 seine Professur im dänischen Altona zugunsten eines Angebots aufgab, in Dessau eine Modellschule zu errichten. Sein 1774 eröffnetes "Philanthropin" wurde bald Zentrum der Reformpädagogik und Vorbild anderer Einrichtungen, wie die von Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811) und Franz Heinrich Ziegenhagen (1753-1806). Zu Basedows engsten Mitarbeitern zählten Christian Heinrich Wolke, Salzmann und vor allem Joachim Heinrich Campe (1746-1818).5 Die philanthropische Pädagogik betonte weniger die Entwicklung der Individualität als die Erziehung zu einem gesellschaftsbewußten Menschen.6 Auch wurde großer Wert auf Vermittlung praktischer Kenntnisse gelegt. In den Schriften der Philanthropen spiegeln sich diese Grundzüge wieder. Großen Wert legten die Philanthropen auf den Einsatz von Bildern im Unterricht: "Man kann dergleichen Begriffe [aus der Seelen- und Pflichtenlehre] in sinnlichen Vorstellungen, Gemälden, Kupferstichen u. s. w. darstellen, und die Kinder sie davon abziehn [= abstrahieren] lassen."7 und gibt Benutzungshinweise: "Diese Kupfer müssen nicht in das Buch eingebunden, sondern auseinandergeschnitten werden, damit man den Kindern jedesmahl nur dasjenige Viertel vorzeigen könne, dessen man gerade bedarf. Am Ende des Unterrichts können sie, auf Pappe geklebt, in dem Lehrzimmer neben der über diese Gespräche zu machenden Inhaltstafel, zur täglichen Erinnerung aufgehängt werden."8 Auch Salzmann rät zum Gebrauch der Bilder. Er unterscheidet zwischen "Erkenntniß" und "Gesinnung". Die erste ist nur eine Bedingung für die zweite, die zu formen Ziel seiner Pädagogik ist.9 Dazu eignen sich Bilder (auch sprachliche) am besten: "Wenn die Kupfer fertig sind, die zu diesem Buche sollen geliefert werden, so kann man die Wirkung der Erzählung noch dadurch verstärken, daß man, nach geendigter Erzählung, das Kupfer vorzeigt, das sich auf dieselbe bezieht. Dadurch drückt sich nicht nur die Wahrheit, die in das Geschichtchen gehüllet war, desto tiefer ein, sondern das Kind bekömmt auch dadurch Veranlassung, allerley Fragen aufzuwerfen, die dem Erzieher die schönste Gelegenheit geben, zu erfahren, ob es den wahren Sinn gefaßt habe, und noch manches zu mehrerer Berichtigung seiner Einsichten hinzuzusetzen. 5) Dieses Kupfer könnte man nun auf Pappe leimen lassen. Theils um ihm dadurch mehr Dauer zu verschaffen, theils um es in das Zimmer, wo sich das Kind gewöhnlich aufhält, aufhängen zu können: Dieß würde ungemeinen Nutzen haben. So oft das Kind das Kupfer erblickte, würde es sich wieder an die Erzählung, die es vorstellet, und die darinne enthaltene Wahrheit erinnern, es würde sie seinen kleinen Freunden erzählen, und durch diese öftere Wiederholung sich die Gesinnung, die ihm dadurch sollte beygebracht werden, recht eigen machen. Hat es einige Wochen da gehangen, so wird das Kind - nicht mehr darauf achten. Daher ist das Beste, daß man es nun bey Seite thut, und nach einiger Zeit erst wieder hervorbringt, da es gewiß wieder neuen Reiz haben wird. Unterdessen wird doch das Zimmer nie leer von Kupfern seyn, weil ich voraus setze, daß die Erzählung immer fortgesetzt, und dadurch die Aufhängung anderer Kupfer nothwendig gemacht wird."10
Basedow gewann den bedeutendsten deutschen Buchillustrator seiner Zeit, Daniel Chodowiecki11 für sein Elementarwerkprojekt. Chodowiecki entwarf und radierte eine große Zahl der Bildtafeln und leitete die Arbeit weiterer Kupferstecher. Er erhielt Themenvorgaben und teilweise auch Motiventwürfe von Basedow und Wolke. 1770 erschien als erster Teil das "Elementarbuch" mit 53 Kupfertafeln. Vier Jahre später war das "Elementarwerk" komplett. 43 Tafeln waren hinzugekommen. Basedow hatte das "Elementarwerk" auf eigenes Risiko verlegt. Er wurde von zahlreichen Gelehrten unterstützt und gefördert. Viele Subskribenten finanzierten die für ein pädagogisches Werk außergewöhnlich hohen Produktionskosten.
Belohnt wurde Basedow mit dem nachhaltigen Erfolg des "Elementarwerks". Wie in dem Jahrhundert zuvor der "Orbis Pictus", so wurde nun das "Elementarwerk" zum Vorbild illustrierter pädagogischer Literatur. Es wurde zitiert und nachgeahmt. So greift Basedows Joachim Heinrich Campe Motive aus dem "Elementarwerk" heraus, die er in die Kupfertafeln zu seiner "Seelenlehre für Kinder" einbaut. Eine wahre Huldigung an Basedow stellt die "Bilder-Akademie" (1780-84) des Nürnberger Pädagogen Johann Sigmund Stoy (1745-1808) dar, für die ebenfalls Chodowiecki einen Großteil der Entwürfe lieferte. 54 Tafeln enthalten 800 Einzelbilder. Viele von ihnen sind direkt dem "Elementarwerk" entnommen. Auf einer Tafel finden sich schließlich in Nachbarschaft zu dem pädagogischen Musterbild des die Kinder unterrichtenden Christus die Silhouetten der philanthropischen Pädagogen Basedow und Campe wieder.
Am Ende des Jahrhunderts erschienen zwei weitere umfangreiche lehrreiche Bilderbücher. Den größten Aufwand betrieb der Autor und Verleger Friedrich Johann Justin Bertuch (1747-1822).12 Sein "Bilderbuch für Kinder" erschien in zwölf Bänden mit 1186 illuminierten Kupfern zwischen 1790 und 1830. Die Bilderfülle macht das Werk einzigartig. Erst im Nachhinein wurden die nur karg erläuterten Tafeln um umfangreiche Textbände ergänzt. Zunächst nennen ist ebenfalls die "Neue Bildergallerie für junge Söhne und Töchter" (1794-1805). In jährlicher Folge erschienen die mit vielen kolorierten Kupfern versehenen Bände und boten ein Kaleidoskop aus allen Wissensgebieten. Nicht allein, daß sich im vierten Band Beiträge zur amerikanischen und französischen Revolution finden: auch zahllose völkerkundliche Artikel vermittelten der "reifenden Jugend" Ideen von Toleranz und Freiheit.
Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hatte es zwar zahlreiche illustrierte Lehrbücher für die Jugend gegeben, jedoch erst mit dem Elementarwerk Johann Bernhard Basedows entstand eine Didaktik, die den Gebrauch von Bildern zu einem wesentlichen Bestandteil des Unterrichts machte. Basedow ging so weit zu erwarten, daß die "Kinder selbst, wenn man nach meiner Vorschrift handelt, sollen kein Spiel und keine Ergötzung so lieben, als dieses für ihre Natur eingerichtete und mit lehrreichen Kupfern (die zum Teil illuminirt seyn müssen,) durchgängig gezierte Buch."13 Die Philanthropen Salzmann und Campe setzten die Arbeit ihres Mentors Basedow fort. Innerhalb weniger Jahre wurden ihre Anregungen vielfach aufgegriffen. Bis in den Schulunterricht der Gegenwart wirkt sich aus, was mit der Basedowschen Edukationsgrafik begann.
Anmerkungen:
1. Robert Alt 1970, S. 25.
2. Heinz Wegehaupt 1977, S. 105.
3. Reiner Wild 1990, S. 75.
4. Johann Bernhard Basedow 1909, Bd. 3.
5. Visionäre Lebensklugheit 1996, S. 45-65.
6. Reiner Wild 1990, S. 52.
7. Joachim Heinrich Campe, Vorrede zur 1. Auflage von "Seelenlehre für Kinder", S. XIIIf.
8. Ebd. S. XVf.
9. Christian Gotthilf Salzmann: Ueber die Absicht und den nützlichen Gebrauch des moralischen Elementarbuchs. Leipzig: Siegfried Lebrecht Crusius 1785, S. IVf.
10. Ebd. S. XIIIf.
11. Willi Geismeier 1993.
12. Siglinde Hohenstein 1989.
13. Johann Bernhard Basedow: Vorstellung an Menschenfreunde und vermögende Männer über Schulen, Studien und ihren Einfluß in die öffentliche Wohlfahrth. Mit einem Plane eines Elementarbuchs der menschlichen Erkenntniß. Hamburg 1768, §56, S. 165.
Literatur:
Robert Alt: Herkunft und Bedeutung des "Orbis pictus". Ein Beitrag zur Geschichte des Lehrbuchs. Berlin (DDR) 1970.
Johann Bernhard Basedow: Johann Bernhard Basedows Elementarwerk mit den Kupfertafeln Daniel Chodowieckis u. a. Kritische Bearb. in 3 Bden. hrsg. von Theodor Fritzsch. Leipzig 1909.
Willi Geismeier: Daniel Chodowiecki. Leipzig 1993.
Siglinde Hohenstein: Friedrich Justin Bertuch (1747 - 1822) - bewundert, beneidet, umstritten; Übersetzer mit Verdiensten, Dichter ohne Talent, in Weimar kluger Verwalter d. fürstl. Privatschule, erfolgreicher Herausgeber u. Verleger, Freund Goethes, e. Kapitalist u. Philanthrop d. Aufklärung. Berlin u.a. 1989.
Visionäre Lebensklugheit. Joachim Heinrich Campe in seiner Zeit. Ausstellungskatalog Braunschweig, Wolfenbüttel 1996. Wiesbaden 1996.
Heinz Wegehaupt: Vorstufen und Vorläufer der deutschen Kinder- und Jugendliteratur bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Berlin (DDR) 1977.
Reiner Wild (Hg.): Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Stuttgart 1990.
Manuskriptfassung, Veröffentlichung in: mittendrin. Sachsen-Anhalt in der Geschichte. Katalog zur Ausstellung im stillgelegten Kraftwerk Vockerode, 15. Mai bis 13. September 1998. Hg. von Franz-Josef Brüggemeier, Gottfried Korff und Jürg Steiner. Dessau: Anhaltische Verlagsgesellschaft 1998. ISBN: 3-910192-67-X
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Christoph Danelzik-Brüggemann
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letzte Änderung: 18.8.2004