Stellproben (1988)

Die gegenwärtig im dortmunder Ostwall-Museum gezeigte Ausstellung "Stellproben" versammelt auf anregende Weise vier Künstler, welche an ein Hauptproblem der frühen Moderne anknüpfen. Seit Marcel Duchamps legendären Ausstellungen einer Fahrradfelge, eines Urinoirs und Flaschentrockners vor gut siebzig Jahren gibt bereits die nächste Woolworth ein gigantisches Museum ab, vollgestopft mit anonym und massenhaft gefertigten, zu bestimmtem Gebrauch vorgesehenen Dingen. Duchamp unterschied freilich zwischen dem Gerät im Warenhaus und dem von ihm im Museum isolierten, als Plastik aufgestellten Objekt. Er verzichtete auf jede handwerkliche Bearbeitung, auf die künstlerische Handschrift. Somit kann jeder beliebige Gegenstand von jedem Menschen zum "Ready-made"-Kunstwerk erklärt werden, dessen Wert nur von seinem Kaufpreis abhängt. Die dortmunder Ausstellung zeigt nun, warum Duchamps Tat kein dadaistischer Spaß zur Verunsicherung des Kunstbetriebs und -markts war. Ausgehend von der Originalkopie im Maßstab 1:1 bauten die Künstler Gillaume Bijl, Luc Deleu, Stefan Demary und Ange Leccia hintergründige Spielzeuge über die Feinheiten des grobsinnlichen Alltags.

Luc Deleus Installation von sechzig Altglascontainern und Ange Leccias Arrangement mit vier Autos und rotem Teppich halten sich am engsten an die Duchampsche Tradition. Die Glassammelbehälter, als Sammelgegenstände in den Raum gewürfelt, sind von der Straße geholt - sie verbreiten den warmen, pestilenzischen Gestank unzähliger verdorbener Flüssigkeitsreste. Wer den Saal betritt, ist fasziniert von dem raumfüllenden Grün und der chaotischen Anhäufung der Container. In der ihnen fremden Umgebung scheinen sie vergrößert; ihre Lage erlaubt ausführliche Betrachtung gemeinhin uneinsehbarer Teile; die Oberflächen, gummiverschlossenen Einwurföffnungen, die Kartuschenform offenbaren ihre ästhetische Botschaft: die Wahrnehmbarkeit der Container ist unmittelbar mit ihrer Gebrauchsfunktion verbunden, darüberhinaus sind sie "unsichtbar".

Gediegen präsentiert Ange Leccia seine vier leuchtendroten BMW. Sie stehen als glänzende Wagenburg im Lichthof, als seien sie nie bewegt worden, und das Raster des Glasdaches bricht sich auf ihnen. Leccia steigert ihre Schönheit. In ihrer Mitte liegt ein roter Teppich, dessen Anblick die Karossen kaum preisgeben. Erst von der ersten Etage herab wird er mit dem Ensemble wirklich sichtbar. Darin liegt die Ironie, daß die anziehende Schönheit der Autos ihre distanzierte Betrachtung erfordert. Leccia liebt das Auto und den Luxus, aber er lenkt von dessen Benutzbarkeit ab. Die Verfremdung der Gegenstände durch den Ortswechsel beeindruckt in Deleus Installation stärker als in Leccias Arrangement, weil die Entfunktionalisierung der Altglascontainer überraschendere Erfahrungen ermöglicht als die noch entfernt an einen Autosalon erinnernde Vorstellung der Luxusgefährte.

Manipulierte Ready-mades nennt Stefan Demary viele seiner in den vergangenen sechs Jahren entstanden Objekte. Sie sind nicht nur ins Museum verrückt worden, Demary hat ihren Sinngehalt durch oft geringste Eingriffe verändert und gesteigert. Der Alltag ist ein schmaler Pfad, und es lohnt sich, diesen gelegentlich zu verlassen - mithilfe von Demarys Objekten ein Vergnügen. Die Schlichtheit der Objekte verblüfft. Über einer Tür zum Verwaltungstrakt hängt ein kleines Holzkreuz. Die Christusfigur ist etwas angehoben und versetzt angeklebt, sodaß der im Tode Siegende seine Arme euphorisch emporreißt. Eine kleine Gliederfigur wirft einen raumlangen Schatten, gebildet aus einer auf den Boden gelegten, zerteilten weiteren Puppe. Demarys Objekte beginnen mit einem Witz, der zugleich den Gegenstand verfremdet und die Auseinandersetzung mit dem nun nicht mehr Vertrauten erleichtert. Die Irritation wird in keinem Fall durch den Gag aufgehoben, sondern bleibt als Stimulans. Dasselbe gilt auch für Demarys stärker bearbeitete Objekte. Er reiht auf ein schmales Wandbord zehn Gläser unterschiedlichster Gestalt. Die in ihnen enthaltene blaue Flüssigkeit (laut Katalog blue Curacao, dem Geruch nach Wasserfarbe) ist auf identisches Niveau aufgefüllt. Das entstandene durchgehende blaue Band betont die Einheit der Reihe gegen die Beliebigkeit der Glasformen und ihrer Zusammenstellung. Ein kleiner Eingriff verändert oder zerstört das Gebilde.

Luc Deleu, Ange Leccia und Stefan Demary analysieren die ästhetische Tarnkappe des Alltags. Sie benutzen das Museum als Medium, in dem die Dinge isoliert von ihren Zusammenhängen und unabhängig von der durch die Umwelt geprägten Wahrnehmung gesehen werden. Damit werden die ästhetischen Eigenschaften freigelegt, welche ihrerseits die Gestalt der Umwelt beeinflussen.

Mit der fingierten Ausstellung "four american artists" stellt Gillaume Bijl just jene Fähigkeit des Museums in Frage. Bijl hatte bisher Räume, vom Textilgeschäft bis zur Wahlkabine, als Originalkopie in Museen installiert. In Dortmund belegt er eine wunderschöne Suite mit einer Gruppenausstellung, die, sogar mit eigenem Katalog versehen, sich unproblematisch in das Kunstgeschehen einfügen ließe, wäre sie echt. Alle gezeigten Objekte, Fundstücke und neo-geo, stammen von Bijl selbst. Er entwertet sie als einzelne Kunstwerke, weil sie nur als Teil der gesamten Installation gelten. Die Verunsicherung greift um sich: sind die Exponate eingehender Betrachtung wert oder sind sie Parodien? Unbarmherzig zernichtet Bijl des Kunstwerks Aura. Keine KunsthändlerIn wird verstehen, weshalb die an die Wand genagelten Reitstiefel von "double fun, double trouble" nur im Verein mit "abstract balcony" und "bird waiting to attack" zu sehen sein dürfen. Und wer wollte sich nicht über die von "William Hall" behängte Wand auslassen, die Fundstücke in ein geometrisches Puzzle überführt! Wenn nun außerhalb der fingierten Ausstellung ähnliche Werke hängen - verlieren sie nicht gleichfalls ihren Eigenwert? Diese Sorge will ich nicht dämpfen, auch wenn ich feststelle, daß Bijl die Manipulation durch die Kunst noch nicht völlig überwunden hat. Der alte Ruf klingt leise im Ohr: Tod dem Zuschauer!

 

Unveröffentlicht

Christoph Danelzik-Brüggemann

 

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letzte Änderung: 18.8.2004