Ilya Kabakov verdiente in der Sowjetunion sein Brot als Kinderbuchillustrator. Nebenbei fungiert er seit den frühen sechziger Jahren als Leitfigur der sowjetischen Avantgardisten. Als Künstler durften diese nicht gelten, denn sie arbeiteten unabhängig von der amtlichen Kunstpolitik. Weil nur "offizielle Künstler" mit Farben und Leinwänden versorgt wurden, beschränkte sich Kabakov aufs Zeichnen. Daß seine winzigen Bilder dazu beitrugen, die sowjetische Staatskunst auszuhebeln, klingt wie die x-te Version der Geschichte von David und Goliath.
1957, vier Jahre nach Stalins Tod, wagten einige junge Künstler die Abkehr vom Sozialistischen Realismus. Ausgangspunkt war eine während des Welt-Jugend-Festivals im Moskauer Gorky-Park stattfindende Ausstellung mit 4500 Bildern aus aller Welt. Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 fiel der Eiserne Vorhang und machte auch dem kulturellen Tauwetter in der Sowjetunion ein Ende. Abweichungen von der Kunstdoktrin wurden nicht mehr toleriert, ließen sich aber nicht mehr verhindern. Immer mehr Künstler entwickelten ihren Eigensinn. Dabei versuchten sie nicht, westeuropäische Tendenzen zu kopieren, von denen sie ohnehin wenig erfuhren.
Wladimir Jankilewskij enthüllte 1962 in einem furiosen Pentaptychon das Innenleben einer "Atomstation": ein Gemengsel von technischen Symbolen und surrealistischen Farbwucherungen läßt erahnen, welche Zeitbomben in sowjetischen Kernkraftwerken und Atom-U-Booten dem Super-Gau entgegenticken. Zehn Jahre später schlugen die Künstler bereits jenen ironischen Ton an, der die Dämmerung des "realexistierenden Sozialismus" begleitete. Komar&Melamid lassen Stalin in vertraut klassizistischer Pose den Musen gegenübertreten - ein Hauptwerk der Soz-Art. Sie kopieren den Stalinkult, um sich vom Schatten des Diktators zu befreien. Makarewitsch&Jelagina rekonstruieren recht frei eine "Fischausstellung" aus den 30er Jahren, die den sozialistischen Arbeitskult mit gnadenloser Komik parodiert. Diese Installation erreicht das Format des Hauptwerks der Ausstellung, dem "roten Pavillon" von Ilya Kabakov. Er wurde auf der diesjährigen Biennale von Venedig preisgekrönt und fürs Museum Ludwig erworben. Der Pavillon, überladen mit sowjetischen Symbolen, ist umgeben von einem hohen Lattenzaun. "Dieser kleine Pavillon", sagt Kabakov, "ist das Territorium einer Welt, die noch lebt, obwohl gut versteckt hinter der Fassade einer anderen."
Von der ersten russischen/sowjetischen Avantgarde gibt es nur wenige Verbindungslinien zur zweiten. Trotzdem hat sich die Entscheidung gelohnt, die Hälfte der Ausstellung den Kunsttendenzen zwischen 1910 und 1928 zu widmen. In außergewöhnlicher Breite und Qualität wird der russische Beitrag zur Moderne sichtbar. Er mündete in die künstlerische Unterstützung der Revolution. Auch das Scheitern der revolutionären Ästhetik wird dokumentiert. Lenins Tod wurde noch mit einem konstruktivistischen Votivbild betrauert (Wassily Ermilov). Sein Nachfolger als Partei- und Staatschef setzte seine eigenen ästhetischen Vorstellungen durch. Die Beispiele stalinistischer Malerei parodieren sich selbst.
In der Mitte der 70er Jahre gelang es den Eheleuten Ludwig als Ersten, unabhängige Gegenwartskunst aus der UDSSR zu erwerben. Sie mußten dafür die gesamte diplomatische Klaviatur bespielen. Offenbar mußten die Ludwigs diesen Block, den sie kontinuierlich erweiterten, unter Verschluß halten. Erst nach dem Ende der Sowjetunion durften die Werke endlich ans Licht. Sie bilden die größte Avantgarde-Sammlung außerhalb Rußlands.
Die 200 Quadratmeter, die mittlerweile im Museum Ludwig zur Verfügung stehen, genügen nicht, um auch nur annähernd einen Eindruck von der Vielfalt des Avantgarde-Blocks zu vermitteln. In der Kunsthalle sind nun 600 Werke auf 2000 Quadratmetern teilweise dicht gedrängt - ein archäologisches Museum der Moderne und ästhetisches Laboratorium. Moskau zählt wieder zu den Kunstmetropolen. (Josef-Haubrich-Kunsthalle. Bis 2. Januar 1994; der Katalog kostet 49 Mark)
Manuskriptfassung. Zuerst erschienen in den Westfälischen Nachrichten, 1993
Christoph Danelzik-Brüggemann
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letzte Änderung: 18.8.2004