Nach Kriegsende dauerte es eine kleine Weile, bis der Schock dieser infernalischen Jahre auch die Kunst erschütterte. Als in den fünfziger Jahren das Wirtschaftswunder die wunden Seelen der Menschen hierzulande salbte, gab es desto stärkeren Aufruhr in den Malerateliers.
Viele Maler verzichteten auf Komposition und Figürlichkeit. Stattdessen ließen sie Pinsel und Quast freien Lauf und arbeiteten sich an den Leinwänden ab wie der Boxer am Sandsack. K.R.H. Sonderborg, 1923 als Karl Rudolf Hoffmann im dänischen Soenderborg geboren, zählt zu ihnen. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und Anstellung in seiner Heimatstadt Hamburg, studierte er nach dem Krieg Malerei. Rasch fand er seinen eigenen Stil. Werner Haftmann, der Papst der deutschen Kunstkritik, entdeckte 1951 im Atelier des jungen, noch unbekannten Malers Hunderte kleine, faszinierende Blätter mit flüchtig hingeworfenen Pinselstrichen und erkannte in ihnen "Spur und Abdruck einer zwingenden inneren Bewegung".
Den Kunstprozeß als Niederschrift der psychischen Bewegung aufzufassen, war eine Erfindung der Surrealisten. Gedichte und Bilder sollten aus dem Unterbewußtsein heraus entstehen, ohne nachzudenken. Sonderborg war kein Surrealist, doch übernahm er für seine Malerei dieses Verfahren der "Écriture automatique".
Seine Bilder erinnern an chinesische Kalligraphie. In strengem Schwarz-Weiß, nur selten von roten Elementen akzentuiert, fixiert der Künstler seine Erregung. Auf welche Art er sich in Malstimmung versetzt, zeigen die in der Ausstellung präsentierten Filmaufnahmen von Malaktionen: Auf dem Atelierboden liegt eine mehrere Quadratmeter große weiße Leinwand. Während Musiker atonale Improvisationsmusik spielen, verharrt Sonderborg gespannt, um explosionsartig einige Pinselhiebe zu setzen und erneut zu erstarren. Leider ist nur eines der so entstandenen Riesenbilder ausgestellt.
1965 wurde Sonderborg Professor für Malerei an der Stutgarter Kunsthochschule. In dieser Zeit nahm er Teil an der Politisierung der Kulturszene. Die sichtbare Wirklichkeit wurde sein Bildthema. Formale Strenge behielt er bei, um das starre Netzwerk von Hafenkränen oder das Sinnbild von Brutalität, Maschinengewehre, zu malen. Am realistischsten wirkt das Gemälde "E (Elektrischer Stuhl)", 1974 entstanden. In den vergangenen zehn Jahren näherte sich Sonderborg wieder seinem Frühwerk an, wobei sich seine "Handschrift" als zeitlos erweist.
Woher kommt diese in den Bildern spürbare Heftigkeit? Sonderborg ist fasziniert von E.A. Poes Schilderung des "Maelströms", einem gigantischen Strudel. Der Künstler sieht die Welt als ein solches Phänomen der Kraft und Gewalt. Vom Beobachten des "Maelström" empfängt er Energie, die ihn in einen Malrausch versetzt. In Recklinghausen besteht die Möglichkeit, sich unbeschadet in Sonderborgs Bilderstrudel zu stürzen.
Manuskriptfassung. Zuerst erschienen in den Westfälischen Nachrichten, 1993
Christoph Danelzik-Brüggemann
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letzte Änderung: 18.8.2004