Stadt unter. Wie die Stadtarchäologie eine neue Sicht der Geschichte ergräbt.

Allem nostalgischen Rummel um das Mittelalter zum Trotz wurden langezeit in den meisten Städten die Überreste ihrer Geschichte vernachlässigt und zerstört. Dabei liegen unter Kellern und Straßen meterdicke Sedimentschichten ihrer Vergangenheit. Seit zwanzig Jahren bergen ArchäologInnen Zeugnisse vergangener Alltagsgeschichte aus den Baugruben der Innenstädte - im Kampf mit den Baggern. Eine Wanderausstellung präsentiert gegenwärtig Arbeitsweisen und Ergebnisse einer jungen Wissenschaft ("Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch", bis 25. Juli 1993 im Haus der Wirtschaft in Stuttgart, ab Herbst im Dresdner Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsens. Das Kataloghandbuch kostet 52,-DM). Sven Schütte baute von 1979 bis 1991 die Stadtarchäologie in Göttingen auf und leitet seither das Amt für archäologische Bodendenkmalpflege in Köln.

 

CD: Herr Schütte, Sie betreiben Geschichte von unten. Sind Sie Barfußhistoriker, Kanalarbeiter oder Schatzsucher?

Schütte: Also fangen wir mal hinten an. Was wir definitiv nicht sind und nicht sein wollen, sind Schatzsucher. Barfußhistoriker sind wir sicherlich auch, weil wir den Alltag im Mittelpunkt haben: also nicht Kaiser, Könige, Schätze und andere Zimelien, sondern die alltäglichsten Dinge.

CD: Wie sah die mittelalterliche Stadt aus, und wie lebten die Menschen?

Schütte: Man muß differenzieren. Köln war die größte Stadt im deutschen Sprachraum im Mittelalter. Das Leben in einer solchen Metropole ist beispielsweise mit dem Leben in Göttingen so gut vergleichbar wie heute New York und Hamburg. Um mit Huizinga zu sprechen, war die Nacht dunkler, die Kälte kälter und der Gestank stinkiger. Heute ist alles voller Straßenlaternen, und damals gabs nur ein paar Funzeln. Die hatten nicht die Lärm- oder Reizüberflutung wie wir heute. Auf der andern Seite sind die Verhältnisse nicht so extrem anders. Also es gab hier in Köln schon Häuser mit Wasserspülung im ersten Stock. Es war, wenn man nicht krank wurde und zu den wohlhabenden Schichten gehört hat, wohl nicht unangenehmer, als heute auch. Wenn man das dritte Lebensjahr überstanden hatte, konnte man auch recht alt werden. Man hatte seine Würmer, das ist klar, das schützte aber auch vor Allergien und wirkte sich insofern aus, daß es ab und zu einmal unangenehm gejuckt hat. Aber die Ernährung war vielfältiger. Die hatten vierzig, sechzig Sorten Pflaumen, dagegen waren bestimmte Sachen nur bestimmten Schichten zugänglich: Feigen, Mandeln, Rosinen, Granatäpfel - also Mittelmeerprodukte. Aber die Ernährung war auch anders aufgebaut. Der einfache Mensch aß seine Grütze oder seinen Brei, bestimmte Sachen wurden stark gewürzt, um den Haut Gout zu übertönen. Uns würds wahrscheinlich nicht schmecken.

CD: Die Menschen lebten damals sehr eng zusammen und in einfacheren Verhältnissen. Durchs Straßburger Münster lief ein Schweinepfad, es gab andere Ordnungsvorstellungen.

Schütte: Sicherlich, nur kann ich dazu als Archäologe wenig sagen, weil sich davon archäologisch wenig niederschlägt. Aber ganz allgemein war das sicherlich auch kaum anders als heute. Das Personal hatte nur den Ausweg beispielsweise der Maienehe. Wenn es schön warm war, konnten sie draußen etwas veranstalten, ansonsten waren sie eher eingeschränkt. Es war durch die strengeren Vorschriften der Kirche anders. Aber etwa in Göttingen, da hatten fast alle Priester Kinder. So streng wurde das wohl nicht immer gesehen.

CD: Liebe ist kein archäologisches Thema, weil sie sich nur in wenigen Fällen dinglich niederschlug?

Schütte: Man könnte höchstens Präservative in den Kloaken finden. Das ist das Äußerste. Über Anzahl und Intensität läßt sich natürlich nichts mehr sagen.

CD: Gibt es ein Problem der Dezenz, wenn Sie Gräber erbrechen und Latrinen ausheben?

Schütte: Für die Archäologen eigentlich nicht. Probleme damit haben manchmal religiöse Gruppen. Der katholische Landpfarrer wird schon darauf bestehen, daß die merowingischen Skelette, auch wenn sie sonstwie erhalten waren, wieder eingegraben werden, ebenso im protestantischen Bereich. Ich find es auch besser, wenn sie wieder in den Boden kommen und nicht irgendwo im Regal liegen. Allerdings sollte man sie vorher schon ankucken. Wir lernen ja mehr über uns selbst. Was Kloaken betrifft, sowieso nicht. Das stinkt zwar mörderisch, aber es ist ein wichtiges Quellenmaterial, und wir können daraus eine Menge ablesen, aus dem Leben der vergangenen Zeiten. Pietät oder Ekel dürfen dabei keine Rolle spielen. Ein Pestgrab gehört nicht gerade zu den schönen oder netten Funden.

CD: Was bringt es, Geschichte zu ergraben; wie verhält sich die Mittelalterarchäologie zur Nachbardisziplin Geschichte?

Schütte: Man sieht heute, daß die Schriftquellen alleine die Welt der damaligen Zeit nicht widerspiegeln, weil sie nur aufschreiben, was damals für aufschreibenswert gehalten wurde - Rechtsgeschäfte, politische Vorgänge etc. Aber das, was so tagtäglich stattfindet oder die Vorgänge, die man ganz einfach nicht aufschreiben wollte, die sind nicht drin, also die Geschichte mit den Würmern, oder womit man sich den Hintern abgeputzt hat auf der Kloake. Man muß wissen, was auf einem Grundstück los war, ob es geistlicher oder weltlicher Besitz war, wer da gewohnt hat usw. Erst dann kann man die Archäologie und umgekehrt die Schriftquellen mit Leben erfüllen.

Es hat sicher viel früher Wurzeln gegeben, aber die Methoden und die Inhalte der Mittelalter- bzw. Stadtarchäologie entwickelten sich erst in den letzten zwei Jahrzehnten, und insofern ist man jetzt erst so weit, intensiver mit Historikern zusammenzuarbeiten. Vorher kannte man ja gar nicht die Sachkultur des Mittelalters, und hat jetzt erst entdeckt, daß man viel mehr machen kann, als das Auflisten der Töpfe oder das Ankucken von Schmelzöfen für Metall, daß eben im Licht der Schriftquellen sehr viel mehr herauszuholen ist. Man muß auch sagen, daß das Interesse an den Städten gar nicht so groß gewesen ist. Hier in den westlichen Bundesländern ist nur in sehr wenigen Städten intensiv ausgegraben worden. Man hat sich in früheren Zeiten zumeist auf die Römer konzentriert und das Mittelalter auf der Müllkippe landen lassen oder alles gleich abgebaggert. In der DDR wurde erst nach dem Stadtjubiläum Berlin plötzlich entdeckt, daß das was ist, Altstädte waren da ohnehin nicht so erwünscht. Von einer systematischen Archäologie in den Städten kann erst nach der Wende die Rede sein. Wo ein Riesenbauboom die frißt, da kommt natürlich sehr viel raus. Man hört dann auch gleich das Geschrei der Investoren, die Archäologie verhindere die Geschichte, z.B. in Quedlinburg.

CD: Vor zwanzig Jahren entstand auch die Alltagsgeschichte. Gibt es Zusammenhänge zwischen beider Anfänge?

Schütte: Diese Betrachtungsweise ist sicherlich eine der späten Früchte der Studentenbewegung. Es ist klar, daß kulturgeschichtliche Betrachtungsweisen erst in den 70er Jahren populär wurden, als eine Generation jüngerer, "nicht belasteter" Historiker und Archäologen dran kamen, die auch viel unbefangener an solche Dinge rangehen konnte und solche Ansätze aus dem europäischen Ausland leichter übertragen konnte.

CD: Wie entstand diese Disziplin, die sich mittlerweile in den Denkmalämtern eingenistet hat, und wie stehts mit den Universitäten?

Schütte: Die Universitäten sind ein großes Defizit. Es gibt inzwischen auch ein paar Lehrstühle, aber eben sehr wenige. Die Universität ist ohnehin von der Praxis der Denkmalpflege, sowohl der Boden- wie der Baudenkmalpflege meilenweit entfernt. Das ist überall in Europa so, was wir sehr bedauern, weil die Studenten diese Ausbildung brauchen. Bei uns ist die Forschung erst durch die spektakulären Funde in den Städten, wie sie in der gegenwärtigen Ausstellung in Stuttgart oder der Ausstellung "Stadt im Wandel" [Braunschweig 1985] präsentiert wurden, das waren Meilensteine, einer großen Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Man sah, daß nicht nur diese Gold-und-Silber-Ausstellungen möglich waren, "Ornamenta Ecclesiae", Staufer, Salier oder wie auch immer sie heißen mögen. Aber jene Ausstellungen zeigten, daß es eine Vielzahl an Material gibt, das viel lebensnäher ist. Ein Ei aus einer Kloake hat zur Lebenswelt eines heutigen Menschen einen direkteren Bezug als ein noch so schöner Kelch, der sicher auch Teil derselben Welt gewesen ist.

Als ich studierte, galt es als unanständig, irgendwas nach 1200 zu machen, weil es viel zu neu war. Die Grenze wurde dann Ende der 70er Jahre ausgedehnt bis 1600. Das war die Schamgrenze, bis zu der man forschen konnte. Die ist natürlich genauso unsinnig wie die von 1200. Eine Kollegin von mir, Gabriele Isenberg gräbt im Westfälischen ein Lager des sogenannten Dritten Reiches aus, weil keine Pläne dazu da sind und man wissen will, wie dieser Lagergrundriß ausgesehen hat. Es gibt weder Schriftquellen, noch Augenzeugen, die sagen können, wie das war. Also hat die Archäologie überall da ihr Recht, wo Schrift-, Bildquellen und mündliche Zeugnisse versagen.

CD: Sie beschäftigen sich nicht nur mit Tongeschirr und Schuhfragmenten, sondern auch mit Leichenteilen. In Stuttgart waren eingeschlagene Schädel zu sehen. Wird da die Archäologie zur Anthropologie?

Schütte: Die Archäologie kann als Wissenschaft solche Dinge nicht mehr bewältigen. Wir nähern uns ja dem historischen Phänomen Stadt einerseits mit den Mitteln der Archäologie, andererseits mit einer Fülle von Nachbardisziplinen. Da ist die Anthropologie eine. Wir haben auch eine enge Zusammenarbeit mit den Paläozoologen, Paläoethnobotanikern, Geologen, Mineralogen, Dendrochronologen, die uns die Datierung liefern für Hölzer, oder mit Kunsthistorikern und als wichtigstes, wie gesagt, die Schriftquellenhistoriker.

CD: Gibt es bei der Arbeit konkrete Probleme? Sie sprachen schon an, daß Sie als diejenigen gelten, die Baumaßnahmen verzögern. Das kostet Geld, und Sie wiederum brauchen welches.

Schütte: Wir gelten bei manchen Leuten ja als Investitionshemmnis Nummer Eins. Wir versuchen aber möglichst früh, in alle Bauvorhaben reinzukommen, d.h. wir sind, während die noch planen, schon am graben und dann eigentlich weg, wenn die Planung fertig ist. Und mancher Vorstand eines Handelsverbandes trinkt gerne ein Kölsch in einem historischen Keller, sodaß man oft mit Vernunft und Uberzeugungsarbeit dazu kommt, daß die Dinge erhalten bleiben.

CD: Wie am Frankfurter Börneplatz?

Schütte: Gut, das ist sehr schiefgelaufen, von seiten der Archäologen wie von seiten der anderen Beteiligten. Dieses versuchen wir hier beispielsweise zu vermeiden, indem wir lange im Vorfeld Kataster anlegen und dann bei Anfragen sofort wissen, was da ist und nicht erst lange suchen müssen, ob da die Synagoge gestanden hat oder nicht.

CD: Gehen Sie planmäßig die ganze Innenstadt durch und untersuchen jeden Keller?

Schütte: Wir gehen routinemäßig in jeden Keller rein und versuchen, jede Parzelle historisch zu durchleuchten, sodaß wir nur einen Blick ins Ortsarchiv werfen müssen, um festzustellen, ob da was ist. Wir stellen auch präventiv unter Denkmalschutz. Solche Dinge wie Börneplatz wären bei uns nicht passiert, weil das Grundstück unter Denkmalschutz gestanden hätte. Und dann hätte es ein kompliziertes Erlaubnisverfahren gegeben. Und sowas wie da, daß da hinterher nur noch drei nachgebaute Dinger stehen, das wäre hier nicht passiert.

CD: Was Sie ergraben, zerstören Sie zugleich. Wie gehen Sie damit um, aus dieser Zwickmühle nicht herauszukommen? Und was bleibt für die zukünftige Archäologie, wie können Sie ihr zuarbeiten?

Schütte: Erstes Ziel ist es, nicht zu graben, sondern es im Boden für zukünftige Generationen unangetastet zu hinterlassen. Wenn ich aber als ultima ratio nicht umhin komme, das Ding auszugraben, dann gilt es, alle Informationen, die wir da erhalten, zu registrieren und zu speichern. So bleibt sozusagen als Denkmal die Dokumentation im Archiv, bzw. die anschließende Veröffentlichung. Und natürlich die Funde, die wir ausgegraben haben, weil die ja beweglich sind.

CD: In den 70er Jahren entstand die Kunstrichtung der Spurensicherung. Sehen Sie Verbindungen zu ihr, besitzt Ihre Arbeit ästhetische Qualitäten?

Schütte: Wir versuchen auch, die Geschichte ablesbar zu machen an bestimmten Plätzen. Ein Beispiel ist der Strukturerhalt. Selbst wenn wir eine Baugrube als Loch hinterlassen, versuchen wir, den Bauherrn zu bewegen, den Baukörper auf die alten Grundstückslinien zu setzen, d.h. das Gedächtnis dieser Stadt dadurch zu bewahren, daß er die alten Grundlinien beibehält. Und daß man hinterher noch ablesen kann, wie die Stadt einmal war, auch wenn da historisch nichts mehr drin ist. Wir versuchen es auch zu dokumentieren z.B. durch Pflasterungen, damit man sieht, wo alte Strukturen gewesen sind.

CD: Sie versuchen gewissermaßen, die kollektive Erinnerung zu verstärken?

Schütte: Ja. Nehmen Sie das jüdische Viertel in Köln. Da liegen übereinander der römische Statthalterpalast, das Judenviertel mit der Synagoge und über der Synagoge, die ja schon im Mittelalter da weggekommen ist, eine christliche Kapelle, die heute noch sichtbar sind. Wir planen, eine archäologische Krypta zu bauen, und wenn es geht, den Judenviertelbereich darin zu integrieren. Und am liebsten wäre uns ein Glasboden, wo man diese ganzen einzelnen Schichten sehen kann, bis hin zu den Zerstörungen des 2. Weltkrieges. Wir lassen hier im Albansviertel, das in der Nähe des Rathauses liegt, beispielsweise die Bombeneinschläge, die Häuser haben ja noch teilweise gestanden, da drin. Es soll alles ablesbar sein, die Geschichte von der Römerzeit bis hin zum 2. Weltkrieg, wo diese endgültige Vernichtung ist. Man wird diese Krypta durch eine Kriegsruine betreten, die auch oberirdisch steht und kann dann in die Geschichte sozusagen abtauchen. Wir versuchen, den Leuten bewußt zu machen, wie das war, Spuren im Stadtbild wieder sichtbar zu machen. Die Grabung am Heumarkt dauert ein paar Jahre und kostet 10 Millionen Mark oder mehr, was jedem Investor die Tränen in die Augen treibt, trotzdem ist von unseren Stadtoberen erkannt worden, daß das ein Wert ist, und unser Oberstadtdirektor hat sich nachdrücklich hinter die Archäologie gestellt, was gar nicht selbstverständlich ist, für die Stadt aber eine Identitätsfrage. Die Stadtväter entschieden sich gegen die Preisgabe eines so wichtigen Dokuments der Stadtgeschichte und verzichteten auf eine noch so lukrative Tiefgarage.

CD: Können wir die Arbeit der künftigen Neuzeitarchäologie schon vorbereiten und erleichtern - damit die geringere Probleme haben, unsere Gegenwart zu rekonstruieren?

Schütte: Ich bin sicher, daß die größere Schwierigkeiten haben werden. Also ich möchte keinen verrosteten Computer auf der Müllkippe finden und herauskriegen, wie das Ding mal funktioniert hat - oder: unsere Papiere sind so säurehaltig, daß die keine Jahrhunderte halten wie ein Hadernpapier des 15. Jahrhunderts. Die sind nach hundert Jahren spätestens weg. D.h. es gibt vielleicht für die Zukunft weniger Schriftquellen statt mehr, trotz Mikroverfilmung und allen anderen Medien, die heute da sind. Es wird für die Leute schwieriger, mit unserem Müll zu leben. Also die Kollegen in den zukünftigen Zeiten beneide ich eigentlich wenig. Es kann uns aber auch als Warnung dienen, die Vergangenheit zu überinterpretieren.

CD: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Manuskriptfassung. Zuerst gekürzt erschienen in der "tageszeitung", 24.8.1993

Christoph Danelzik-Brüggemann

 

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letzte Änderung: 18.8.2004