Noch ehe Daguerre seine Erfindung der Fotografie der Pariser Akademie und damit der Welt präsentierte, wurde in einer St. Petersburger Zeitung über sie berichtet. Zwischen Rußland und Resteuropa bestanden gute Verbindungen, und eine neue Erfindung wie die Fotografie wurde begeistert aufgenommen. Einige Jahre schwankten die Sympathien zwischen Daguerre und Talbot, das Fotoportrait erhielt Statusfunktion, und nebenbei entwickelten sich die verschiedenen Zweige von der Dokumentar- bis zur Kunstfotografie. Wer eine Abweichung der russischen Fotogeschichte gegenüber Mitteleuropa erwartet, wird enttäuscht sein von der umfassenden Bonner Ausstellung. Den Reiz des Innovativen besitzen erst die Arbeiten der Avantgarde der 1920er Jahre und die aus ihnen entwickelte nachrevolutionäre Kunst des Reportagefotos und der Montage.
Trotzdem lohnt es sich, die Frühgeschichte der russischen Fotografie kennenzulernen. In den Gruppenportraits hinterließ die spezielle russische Gesellschaftsschichtung ihre Spuren. Zu lebenden Bildern arrangierten sich Künstler und Soldaten; angehende Militärmediziner umstehen das Bett eines Kranken, indessen der Fotograf die Szenerie zur "Anatomie des Dr. Tulp" umwidmet. Ein starkes ständisches Bewußtsein äußert sich in diesen Fotos. Gerade in der nach dem Krimkrieg einsetzenden Modernisierung des Landes war der Bedarf nach Andenken an die alte Zeit groß. In Fotos wurden die aus der Leibeigenschaft entlassenen Landleute zum völkischen Urgestein verklärt.
Während in den unzähligen Petersburger Fotoateliers die Gesellschaft ihr kollektives Erinnerungsalbum anlegte, begannen draußen im Lande FotografInnen mit den ersten Dokumentationen. Ins Auge fällt, wie ihnen die Wiedergabe der weiten Räume gelingt. Dmitri Nikitin machte eine Panoramaaufnahme am Achkhoa-Fluß, durch die das Auge zwanglos durch hügelige Buschlandschaft streift. Die nahgelegenen Zeltläger gehören zur feindlichen türkischen Armee - Nikitin fotografierte aus der russischen vorderen Front. Michail Nastjukow dagegen verbannt in einer Wolgaansicht die Raumtiefe aus dem Bild und monumentalisiert den spiegelglatten Fluß. Auch in der Sachfotografie verleugnete sich der subjektive Faktor des Mediums nicht, der im "Piktoralismus" um die Jahrhundertwende zum Hauptthema wurde, als mit überwiegend technischen Verfahren malerische Wirkungen erzeugt wurden.
Interessanter ist der Weg, der von der ethnografischen und dokumentarischen Fotografie zur Bildreportage führte. Neben Einzelarbeiten bildet in Bonn die Arbeit der Agentur Bulla einen Schwerpunkt. Der Petersburger Fotograf Karl Bulla etablierte sich seit 1880 in diesem Genre. 1886 erhielt er eine Bescheinigung, welche ihn vor polizeilichen Schikanen bei seiner Tätigkeit schützte. Sein Fall erinnert an Weegee, der als einziger Pressefotograf in New York den Polizeifunk abhören durfte. Bulla nutzte sein Privileg und machte Bilder, die der zaristischen Zensurbehörde nicht angenehm sein konnten. Er dokumentierte öffentlichen Aufruhr und die Folgen von Attentaten. Seine Familie arbeitete mit im Betrieb, der durch seine Größe die ganze Geschichte des Landes bis zur Revolution dokumentieren konnte. Eisenstein rekonstruierte mit Bulla-Bildern die Geschichte der Oktoberrevolution, die schließlich der unabhängigen Fotografie ein Ende machte.
Die sowjetische Avantgardefotografie ist hierzulande gut bekannt, vor allem durch die Arbeiten Alexander Rodtschenkos und El Lissitzkys. Klaus Honnef zeigt in der Ausstellung, welchen Platz sie in der politischen Kultur der 20er Jahre einnahm. Der Revolutionierung der Gesellschaft sollte eine Sehweise entsprechen, die sich vom 'Ancien Régime' abkehrte. Ein vollständiges Bildnis einer Person sei illusorisch, schrieb Rodtschenko, "...Trotzdem, es gibt dies: eine Repräsentation, basierend auf Photographie, Büchern und Notizen. ... ein Mensch ist nicht nur eine Einheit, er ist vielgestaltig und dialektisch".
Unter Stalins Regiment wurde die avantgardistische Fotografie kaltgestellt und gefleddert. Für die Propaganda, die in Bonn reichlich Platz erhält, eigneten sich gewisse ungewöhnliche Perspektiven ausgezeichnet. Von Dialektik blieb keine Spur, die Soldatin in Untersicht ist so vollständig glücklich, wie der Stalinismus den neuen Menschen nur gestalten konnte.
Bonn: Rheinisches Landesmuseum
Bis 25. April 93, Katalog: 65,- DM
Unpubliziert
Christoph Danelzik-Brüggemann
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letzte Änderung: 18.8.2004