1961, in der Blüte der informellen Kunst, wurde in einer Berliner Ausstellung die figurative Malerei der "Neuen Sachlichkeit" wiederentdeckt. Weil sich einige ihrer Vertreter der nationalsozialistischen Kunstanschauung zuwandten, war nach dem Krieg die ganze Richtung aus dem Kunstleben ausgeschlossen worden. Anton Räderscheidt erlebte eine verspätete, noch halbherzige Rehabilitierung.
Der 1892 in Köln geborene Maler probierte zu Beginn seiner Arbeit die verschiedensten Möglichkeiten der Moderne aus: er gründete zusammen mit Max Ernst 1919 eine Kölner Dada-Gruppe und schuf wenig später konstruktivistische Kleinplastiken. Mit Beispielen dieser Periode beginnt die Retrospektive. Die Bekanntschaft mit den Kölner "Progressiven" Arntz, Seiwert u.a., sowie die "Pittura metafisica" de Chiricos führten ihn zur figurativen Malerei. Der Italiener war sein Vorbild, als er damit anfing, Menschen wie Dinge zu malen. Räderscheidts Bildnisse verarbeiten die Orientierungslosigkeit der Menschen nach dem 1. Weltkrieg. Sogar die Gruppenbilder zeigen die Menschen voneinander isoliert. Dabei verlieh er ihnen häufig eine aufgesetzte Dynamik: von einer äußeren Kraft werden sie scheinbar in die Höhe gerissen, ohne ihren Platz wirklich zu verlassen. Einzig das dinglich Greifbare versprach Halt zu geben. Deshalb malte Räderscheidt zahlreiche Blumenstilleben - am Ende mit glasharter Klarheit.
Am Ende dieser Entwicklung steht sein berühmtes Selbstbildnis im Atelier (1928), dessen Fehlen in der Ausstellung auch nicht von einer hervorragenden Skizze in Lebensgröße aufgewogen wird. Räderscheidt war auf dem Weg, die Glätte der sachlichen Malerei durch freiere Farbwahl und rauhere Malerei zu brechen, als sein künstlerisches Leben durch die Machtübernahme der Nazis gestört wurde.
Einige Jahre im sicheren Exil in Paris brachten ihn in Kontakt mit der dortigen Avantgarde. Seine damals gemalten Bilder zeigen Einflüsse Picassos ("Die Witwe", 1939) und nehmen die Malerei der jungen Wilden vorweg ("Schwarzes Kind in den großen Armen", 1938).
Aus den Internierungslagern des Vichy-Régimes und dem Tod nur knapp entronnen, gelang ihm und seiner Familie 1942 die Flucht in die Schweiz. Dort setzte er zunächst erfolgreich seine Arbeit an abstrakt-figurativen Motiven fort.
Von Räderscheidts Oeuvre der 1920er und 1930er Jahre blieb wegen der "Entarteten Kunst"-Aktion und seiner Flucht aus Frankreich wenig erhalten. Nach dem Krieg litt er unter dem Kunstdiktat, das figurative Kunst als Tendenz der Moderne ausschloß.
Von einer informellen Phase zwischen 1957-64 abgesehen schuf Räderscheidt bis zu seinem Tod 1970 ein originelles Werk, dessen Wiederentdeckung sich lohnt. Zu seinen Gunsten hätte die mit Auftragsportraits und Kölner Stadtansichten verstopfte Retrospektive großzügiger arrangiert werden sollen.
Ausstellung: Anton Räderscheidt 1892-1970. Retrospektive.
Köln: Josef-Haubrich-Kunsthalle
Bis 29.8.1993
Katalog: 48,-DM
Manuskriptfassung. Zuerst erschienen in der "tageszeitung", 26.7.1993
Christoph Danelzik-Brüggemann
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letzte Änderung: 18.8.2004