Das Geheimnis der Schlacke. Viel Raum, viel Licht - und Zukunft für das Ruhrgebiet:

Im alten Gasometer von Oberhausen wird "ich Phoenix. ein Kunstereignis" mit E-Mail-Aktionen, Internet-Projekten und CD-Klängen inszeniert

 

Wenn einst das "Wort des Jahrzehnts" bestimmt werden wird, hat der "Mythos" gute Aussichten auf einen vorderen Platz. Gegenwärtig wird der "Mythos Rhein" zum wiederholten Mal in einer Ausstellung beschworen, auf den Mythos des Apfelweins warte ich noch, aber gewiß nicht lange. Hoch greift in diesem Geist die diesjährige Ausstellung im Oberhausener Gasometer. "ich Phoenix" - ein Fabelwesen wendet sich an die Menschheit. Diese Art Ansprache erinnert an den Aushang neben der Berliner Gedächtniskirche, in dem jahrelang mit "ich Gott" überschriebenen Botschaften der wahre Glaube verkündigt wurde.

Zugegebenermaßen wirkt der Innenraum des Gasometers überwältigend. Sein Raumerlebnis ist tatsächlich vergleichbar mit einer Kathedrale. Mit seinem leeren Raum von 117 Metern Höhe und einem Durchmesser von 68 Metern läßt er die in ihm umhergehenden Menschen schrumpfen. In der Finsternis müssen mit großem Aufwand Lichtinseln geschaffen werden. Was in gewöhnlichen Ausstellungshäusern kaum wahrgenommen wird, Räumlichkeit und Licht, erzeugt im Gasometer bereits Spannung. Gegen diese Vorgaben läßt sich keine Ausstellung einrichten. Ein mystisches Motto zu wählen, liegt also nahe.

Phoenix symbolisiert in Oberhausen über die gelehrte Anspielung auf die antike Mythenwelt hinaus die erstrebte Zukunft des Ruhrgebiets. Er steigt aus den abgekühlten Schlacken des Montanzeitalters auf. Seit einigen Jahren erhält die Region eine Geschichte und gleichermaßen zunehmenden Anschluß an Zukunftstechnologien. Für beide Tendenzen finden die KünstlerInnen von "ich Phoenix" Bilder.

Der australische Künstler Joyce Hinterding spielt in seiner Installation "Koronatron" mit den Naturkräften. Solarenergie entlädt sich unter dem Dach des Gasometers mit Hochspannung. Eine komplizierte Folge metaphorischer Schlüsse verbindet das Phänomen mit der Kohlegewinnung. Die Kette führt vom begrenzten Vorrat fester Energie (Kohle) über das schon historische Kohleprodukt Stadtgas - das einst den Gasometer füllte - zur unbegrenzten Sonnenenergie, die mit einem gelegentlichen "Bratz" hörbar wird.

Die Entladungsgeräusche beeinflussen eine weitere Installation. Sie nutzt die Weite des leeren Raumes. Für die KünstlerInnen Rainer Plum, Anna und Michael Saup ist der Gasometer Symbol des ungebrochenen Glaubens des Industriezeitalters an Fortschritt und technische Machbarkeit. "Sh!ft" [sic!] macht mit Lasereinsatz die Begrenzungen des scheinbar unendlichen Raumes sichtbar. Auf einer in dessen Mitte aufgespannten Leinwand schwebt das von Umgebungsgeräuschen bewegte Bild eines kolossalen Faustkeils als modernes Damoklesschwert.

Zu einem Ausflug ins Internet lädt Hermann Josef Hack (http://www.hack-roof.gmd.de/). Er animiert die BesucherInnen seiner Web-Seite, an einem virtuellen Dach über dem Ruhrgebiet mitzubauen. Per eMail und Chat-Box kann mit anderen Mit-KünstlerInnen kommuniziert werden, die auch zu ihren Visionen über die Zukunft des Reviers befragt werden. Teil des Kunstwerks sind Stellungnahmen wie diese: "eine Mischung aus Venedig, Amsterdam und Speckswinkel"/ "Ueberdachtes Feuchtbiotop, in dem jede Pflanze, jedes Tier und was sonst noch wuchert einen eigenen Internet- Anschluss hat".

Eher traditioneller Mittel bedient sich die Eingangs-Installation unter der Bodenscheibe des Gasometers. Anne und Patrick Poirier nutzen die klaustrophobische Enge und Düsternis für eine apokalyptische Spielzeugeisenbahn à la Syberberg. Inmitten eines Wasserbassins von 40 Metern Durchmesser formten sie eine ringförmige Wüstenei, die ideale Industriebrache. Mittels archaischer Feldstecher sind Details auszumachen, Schiffwrack, entgleister Zug, vergammelnde Hochöfen - die Erde ist eben unbewohnbar wie der Mond. Raunende Musik mit chiffrehaften Sentenzen - sie liegt als CD dem Katalog bei - und gelegentlicher Theaternebel machen das Gesamtkunstwerk vollkommen.

Gegen diesen mystifizierenden Auftakt opponiert die Arbeit Esther und Jochen Gerz'. Sie setzten die Reihe ihrer Befragungen fort. LeserInnen eines Oberhausener Lokalblatts beantworteten die Frage "Wenn das 20. Jahrhundert noch einmal stattfände, was würden Sie ändern". In ihrer humanistisch-ökologischen Orientierung sind viele der Antworten mit den Statements zu Hacks' virtuellem Dach vergleichbar. So wird die Befragung der Vergangenheit zu einer Besinnung auf die Zukunft.

Zwischen den ästhetischen Polen der Befragungen und Rauminstallationen verliert sich beinahe die Folge von Fotoarbeiten im Zwischengeschoß. Marie Jo Lafontaine monumentalisiert die Portraits einiger Marler GrundschülerInnen und erhöht das alte Klischee vom "Schmelztiegel Ruhrgebiet" zur Botschaft von der "family of men". Thomas Ruffs Aufnahmen mit einem Restlichtverstärker sind die bildgewordene Schlaflosigkeit. Mit großem Aufwand verwischt Georges Rousse die Grenzen zwischen Malerei und Fotografie und pflanzt seinen Innenansichten aufgelassener Bürogebäude die Bildnisse der Patriarchen Thyssen und Krupp ein. Diese wie auch die übrigen Bilder von Katharina Sieverding und Erasmus Schröter sind inszenierte Fotografie und passen gerade wegen ihrer Künstlichkeit bestens in die Industriekulisse.

Mit avancierten Mitteln versucht die Ausstellung, an einem neuen Image des Ruhrgebiets mitzufeilen. Ihr enormer Publikumserfolg, fast 80 000 BesucherInnen werden am Ende die Schau gesehen haben, spricht für die faszinierende Umsetzung dieser Bemühung. Ob sie allerdings wirksam werden wird, ist offen. Auch der zweite Oberhausener Besuchermagnet wird die Attraktion der Region nicht unbedingt revolutionieren. Das "CentrO" gibt sich architektonisch eher bescheiden. Sein Anspruch, das größte kontinentale Einkaufszentrum zu sein, wird nicht sichtbar. Ein paar Glaskuppeln und Palmen verbreiten ebensowenig Flair wie das antikisierende Ambiente der Fast-Food-Rotunde, in der selbst den Abfallbehältern Rustikamauerwerk appliziert wurde. Da auch die Auswahl an Geschäften beschränkt ist, brauchen die Nachbarstädte nur ihre Fußgängerzonen zu überdachen, um das CentrO mühelos auszustechen.

Im Gasometer werden Fragmente des Industriezeitalters geradezu dekonstruktivistisch zu Bausteinen einer buchstäblich virtuellen Zukunft, die im CentrO gänzlich verschieden vorgestellt wird. Da sind weder Geschichte noch Industrie ein Thema, sondern nur Shopping und nicht einmal Luxus. Nicht dieses Einkaufszentrum ist die "Neue Mitte" des Ruhrgebiets, sondern am ehesten die Projekte der IBA Emscherpark.

Bis 3.11.1996

Katalog 39,80

Christoph Danelzik-Brüggemann

 

"ich Phoenix". Bis 3.11.1996, Gasometer Oberhausen. Katalog 39,80 DM

zuerst verändert abgedruckt in der "tageszeitung", 22.10.1996, S. 16

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letzte Änderung: 27.2.1997