Der Rhein: mehr Symbol als Fluß. Über die Ausstellung "Mythos Rhein" in Ludwigshafen.

Was wäre die Politik ohne ihre Kultur? Eine Einrichtung, gemütlich wie ein Parkhaus, mögen sich die PolitikerInnen denken, wenn sie darangehen, sich bürgernah zu geben. Einen solchen Versuch, das finstere Geschäft der Politik freundlich zu präsentieren, ist der Rheinland-Pfalz-Tag. Ihn festlich und fröhlich zu begehen wird nicht geknausert, und manche Mark klimpert in die richtigen Töpfe, beispielsweise in den Ludwigshafener Museen. Mögen die Theater unter dem Joch der viel zu hohen Subventionen seufzen und die goldene Zeit der Wanderbühnen beklagen - hier ist zu sehen, zu welcher Kreativität Institute fähig sind, die nur gelegentlich aus dem Vollen schöpfen dürfen.

Abgesehen vom Rhein ist mit der Stadt Ludwigshafen wenig zu verbinden - ausgenommen Brentanos visionäres Drama "die Niederlage von Oggersheim". Schon ihre Blüte verdankte sie dem alleinigen Bedürfnis Bayerns nach einem eigenen Hafen. Daher lag es nahe, den Rhein kulturgeschichtlich zu umkreisen. Das Ergebnis sind eine documenta-ähnliche Üppigkeit der Exponate und räumliche Erstreckung.

Friedrich Rochlitz beschreibt in seinem Reisebericht 1811 eine idyllische Rheinfahrt:

"Unser weißes Schiffchen war den ganzen Vormittag leicht und bequem, wie ein Schwan, auf dem bläulichen Rhein hinabgeglitten. Verloren im Anschaun und Genuß der tausendfältigen herrlichen Erscheinungen, um uns her, vergaßen wir nicht nur uns selbst, sondern sogar das Schicksal dieser Gegenden, sonst des theuersten und gepflegtesten Wohnplatzes der Schutzgeister deutscher Nation; wie viel weniger bemerkten wir die Gewitterwolken, welche sich schon lang am Horizont hinter uns aufgethürmt hatten." Mit seiner Vermischung von Rheinromantik und politischer Geografie spricht diese 1811 geschriebene Reisebeschreibung an, was diesen Fluß seit zweihundert Jahren kennzeichnet. Ob Elbe, Donau oder Ruhr - kein anderer Fluß wurde in Deutschland zu einem annähernd populären Symbol.

Im Zentrum einer vierfachen Ausstellung in Ludwigshafens Museen, unter Federführung des Hack-Museums, steht das Image dieses Flusses. Die Feder sträubt sich, vom "Mythos" des Rheins zu schreiben, nicht weil das Mythische von den Nazis diskreditiert worden wäre, wie es im Katalog angetippt wird, sondern weil den Legenden und Bildern, die sich um den Fluß ranken, jenes Etwas fehlt, das einen Menschen ins metaphysische Reich treibt.

Immerhin bleibt der Rhein rätselhaft genug. Warum sind Loreley, Drosselgasse und Deutsches Eck so populär? Zunächst einmal reizt seine Topografie. Der eigentliche Rhein ist sehr kurz, denn er beginnt am Rheinfall in Schaffhausen, versickert dann aus dem Bewußtsein, um frühestens in der Gegend von Ludwigshafen bis Speyer hervorzusprudeln. Hinter Köln wird er wieder vom Vergessen verschluckt. Reproduziert wird dieses germanozentrische Rheinbild auch in den Ausstellungen. Nur wenige Exponate weisen über die Landesgrenzen hinaus. In Frankreich und den Niederlanden scheint der Fluß tabu zu sein.

Beileibe nicht alles rheinische ist deutsch. Vor allem reisende EngländerInnen malten Aquarelle, die ersten Zeugnisse einer touristischen Rheinmode. Sie ergötzten sich nicht nur an der vielfältigen Landschaft, sondern begeisterten sich für die pittoresken Seiten des Lebens an den Flußufern, mit seinen Burgruinen und überalterten Städtchen. William Turner, dessen Ausstellung mit Rheinlandschaften in Bonn jüngst endete, bereiste die Gegend elfmal. Er hielt sich wie seine Landsleute an den Geschmackskanon, der Flachland verpönte und mittelalterliche Bauten, Ruinen oder schroffe Felsen zu den geeignetsten Bildmotiven erhob. Seine Fähigkeit, im Aquarell Licht und Schatten - und mit ihnen die Atmosphäre - gleichsam zu modellieren, beeindruckte auch die zeitgenössische Kunstkritik. Im Hack-Museum zeichnet ein Teil der Ausstellung den Lauf des Rheins nach. Daher ist es möglich zu vergleichen, wie unterschiedlich die einzelnen Orte zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen KünstlerInnen gesehen wurden. Turners Modernität, in der Betonung des fühlenden Sehens, wird deutlich im Vergleich mit der buchstabierenden Manier des biedermeierlichen Johann Ludwig Bleuler.

Neue Techniken veränderten das Bild, das erste Dampfschiff verkehrte bereits 1816, und später waren Uferbebauungen und Tunnelsprengungen nötig für die Eisenbahntrasse. Aber noch Jahrzehnte später, Ende des 19. Jahrhunderts, widersprachen die idyllischen Kunstwerke der Wirklichkeit. Erst mit der fotografischen Ansichtskarte rückte stolz der Ausflugsdampfer in die Bildmitte.

Mit den verklärenden Rheinansichten war einer der Wege beschritten, aus dem Fluß einen Trivialmythos zu machen. Ein zweiter bestand in der Aufwertung seiner politischen Bedeutung. In Frankreich wurde seit dem 17. Jahrhundert diskutiert, ob der Rhein eine natürliche Grenze darstelle. Für die deutsche Politgeografie lag er selbstverständlich im Landesinnern. Beide Diskurse verliefen unabhängig voneinander, aber sie bedingten sich paradoxerweise. Zuerst in den innenpolitischen nationalistischen Auseinandersetzungen, später auch im publizistischen Kampf gegen Frankreich, stieg der ehemalige Flußgott vom "Vater" zum "Wächter" auf. Niederwalddenkmal, Deutsches Eck und die Festung Ehrenbreitstein nahmen den Westwall vorweg. Am Rhein verschwisterten sich Weinseligkeit und patriotisches Bekenntnis. Rebgott und Kriegergestalt sehen sich zu ähnlich. Moritz von Schwind kulminiert beide Tendenzen in seinem Programmbild "Der Rhein mit seinen Nebenflüssen" (1847/48). Loreley als Weinkönigin, der Nibelungenschatz und sogar die Kelheimer Befreiungshalle (verbunden durch den Donau-Main-Kanal) schwimmen neben trunkenen Studenten. Die Allegorie der Stadt Mainz trägt die preußische Fahne und garantiert für Sicherheit vor dem Reichsfeind.

Die Andenkenindustrie produziert uferlose Kitschströme. Nationalistisches Pathos, favorisiertes Genre des zweiten Kaiserreichs, spielt seit der französisch-deutschen Freundschaft keine Rolle mehr. Immergrüne Souveniers, wie der Kölner Dom in Bronze, repräsentieren nur noch sich selbst. Bemerkenswert wächst ein Zweig, der die niederen Instinkte der Menschen anspricht. Besonders die Veränderung der Loreley vom Vamp zur Ausziehpuppe fällt auf; auf der anderen Seite zeigt ein Pfennigscheißer, daß die Darmentleerung durchaus lustvoll empfunden wird. Die Ausstellung und der Katalog lassen einige Pointen aus, indem sie zu unbekümmert ihre Fundstücke präsentieren. Von Buster Keaton war zu lernen, daß Komik häufig stärker wirkt, wenn sie ernsthaft präsentiert wird. So bleibt es bei einem Defilee haarsträubender bis langweiliger Erinnerungsstücke. Wesentliche Fragen der Kitschästhetik bleiben offen, z.B. was passiert mit dem Kölner Dom, wenn er sich miniaturisiert in einen Aschenbecher, eine Schneekugel oder, ein Hit, eine Metallic-Ansichtskarte?

Oder in ein Ölgemälde? Der Wahlrheinländer Martin Noël läßt ihn sich im Rheinwasser spiegeln - auf der Kippe zur gegenstandslosen Malerei zwar, aber unverkennbar. Erst ein Besuch in Köln komplettiert das Kunstwerk, weil sich vor Ort zeigt, daß diese Spiegelung in Wirklichkeit nicht möglich ist. Doppelbödig ist ihr die künstlerische Wahrheit voraus, denn Noël malte seine Bilder auf Ansichtskarten. Zu sehen ist Noëls Werk im Kunstverein, der Station für Nachwuchskunst. Die arrivierte Gegenstandskunst bleibt der zentralen Ausstellung vorbehalten. Im Kunstverein geht es experimentierfreudiger zu als im Hackmuseum.

Renate Paulsen bewältigt die touristische Vergangenheit ihrer Eltern. "1956 fuhren ihre Eltern mit dem Roller den Rhein entlang. Die Diapositive, die sie von dieser Reise mitbrachten, hatte die Künstlerin später für eigene Eindrücke gehalten." Auf einer nachvollziehenden Rheinreise fotografierte sie das legendäre aber "nichtssagende" Element und montierte zu diesen Bildern Postkarten Verzehrrechnungen und Bildprospekte der einzelnen Stationen. Die Suite dokumentiert den Auraverlust ihres persönlichen und zugleich kollektiven Trivialmythos. Die meisten der hier zu sehenden Kunstwerke beschäftigen sich mit dem Image des Rheins.

Eine Fotoausstellung in der Scharpfgalerie bildet den Ruhepol der Reihe. Ihren Schwerpunkt setzt sie in der klassischen Moderne, von Albert Renger-Patzsch bis Chargesheimer. Selbst die hochformatigen Bilder zieht es in die Breite, denn stets führt der Fluß durchs Bild. Hannes Maria Flach sägt mit subjektiven Bildausschnitten an dieser natürlichen Ordnung, und er zeigt auch einige Rheinreisende, mit einem Grammophon auf dem Sonnendeck und gefüllten Römern.

Die Fotoausstellung insgesamt distanziert sich am deutlichsten von der Mythifizierung des Flusses. Am ehesten versuchte August Sander eine romantisierende Darstellung. Die Fotos von Henri Cartier-Bresson und Heinz Held rücken TouristInnen und Arbeitende in den Blickpunkt. In den Farbaufnahmen jüngerer Fotografen ist der Trug von schöner Landschaft endgültig verflogen. Eine Ausnahme bilden die Arbeiten Koni Nordmanns. Sie zeigen die Verwandlungen des Flusses, beginnend in den Alpen; schon hier wird der Blick von Straßenbrücken verbaut. Einer Weichzeichneridylle am Hochrhein folgt der Blick auf Uferanlagen des Chemieriesen Sandoz in Basel, veröffentlicht ein Jahr nach der Umweltkatastrophe. Der Übergang des Flusses in eine Industriekloake ist visuell nicht nachvollziehbar. Die begrenzte Aussagekraft des Einzelbildes wird deutlich durch Peter Anschwandens Beitrag. Er filmte das Sterben einer Äsche in einem Aquarium, dessen Wasser exakt aus der von Sandoz verursachten Giftbrühe bestand. "Agonie eines Fisches" wurde aus dem Programm einer Fernsehsendung genommen und der Autor wegen Tierquälerei bestraft.

Wilhelm-Hack-Museum, Scharpf-Galerie, Stadtmuseum, Kunstverein

bis 16. August 1992

Bislang unveröffentlicht.

Christoph Danelzik-Brüggemann

 

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letzte Änderung: 18.8.2004