Zur Zerstreuung. Monet in der Stadthalle Balingen

Balingen ist eine kleine Stadt auf der schwäbischen Alb. Die von Tübingen kommende Bimmelbahn umrundet auf dem Weg dorthin die Märchenburg Hohenzollern. Schon früher lockte der Ort mit hochkarätigen Kunstausstellungen: Marc Chagall und Pablo Picasso waren die Zuschauermagneten. Den Weg in diese Idylle finden Kunstwerke und das Publikum aufgrund der Privatinitiative eines Freiburger Romanistikdozenten, der sich seiner mittlerweile guten Beziehungen rühmt, ohne die viele Exponate nicht zu haben wären. Sein ausgeprägter Sinn für Nischen in der Kulturszene stieß ihn auf Claude Monet, angesichts dessen Berühmtheit es erstaunt, daß ihm in Deutschland bislang keine größere Ausstellung gewidmet war. Daher interessiert es zu erfahren, wie diesem Mangel abgeholfen wurde.

In der guten alten Zeit gehörten Kunst und Schönheit noch zusammen, sagt ein bequemes Vorurteil und glauben manche Kunsttheorien. Die impressionistische Malerei bildet jedoch eher eine augenschmeichelnde Ausnahme unter den Kunststilen ihrer Zeit. Deshalb ist es leicht erklärlich, daß der Impressionismus nachträglich und fälschlich zu einem Leitfossil der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts avancierte. Denn ihr Ideal, das sehende Sehen, konnte in der Publikumsgunst erst in diesem Jahrhundert dem interpretierenden Sehen (beispielsweise in der symbolistischen oder historistischen Malerei) den Rang ablaufen. Liebling im impressionistischen Dream-Team ist Claude "Magic" Monet. Eine Ausstellung von Monets Werken kann garnicht mißlingen, weil sie auf jeden Fall den Sinn fürs Schöne sättigt. Schönheit jedoch bietet jeder Besuch im botanischen Garten.

Die Schönheit von Monets Gemälden zeigt keine Risse. Vielleicht erklärt dieser Befund den Umstand, daß Monet in deutschen Museen zwar gern gesehen ist, ihm darüber hinaus bislang aber keine besondere Beachtung geschenkt wurde, wie sie der theoretisch interessantere Cézanne, Degas und Manet erhielten. Vielleicht befürchtete die kunsthistorische Zunft, geistig unterfordert zu sein von einem Opus, daß sich philosophisch oder geschichtlich schlecht erschließen läßt.

Ein weiterer Zugang wurde vernachlässigt, weil ein jüngerer Künstler, Robert Delaunay, interessanter zu sein schien. Dabei geht es um die Analyse des Lichts und die Möglichkeit, es farbig im Bild darzustellen. Monet schuf mehrere Serien, welche die Veränderungen durchspielen, denen der Anblick eines Gegenstandes im Freien zu verschiedenen Zeiten unterliegt. 1890 begann er, Heuhaufen zu malen. Die runden Hütten, stoppeligen Wiesen und die waldige Umgebung fingen das Licht und brachen es vielfach, und sie schienen die Lichtteilchen wie in Netzen festzuhalten. Monet, dessen Begabung vor allem in der Fähigkeit zum naiven und analytischen Sehen lag, malte quasi jeden Grashalm in einer eigenen Schattierung. Der Bildgegenstand lenkte von der Betrachtung des Lichts nicht ab. Monets Abhängigkeit vom Tageslicht äußert sich in seiner Verzweiflung über die kürzer werdenden Tage im Herbst, die seine Bemühungen vereitelten, den "Schleier" des Tageslichts zu erfassen. Heuhaufen gibt es nur im Sommer und Herbst. Ganzjährig ließ sich die Westfassade der Kathedrale von Rouen beobachten. In diesem Fall variierte eine vielgliedrige Wand die Reflektion des Lichts. Claude Monet bewohnte ein der Fassade gegenüberliegendes Hotelzimmer. Morgens blickte er gegen die Sonne auf die verschatteten Wände; abends schienen sie die Wärme des Tageslichts gespeichert zu haben. Monet malte die Unterschiede, die sich daraus ergaben, daß die Sonnenstrahlen die unteren Stockwerke seltener erreichten als die Türme und das Geschoß mit der großen Fensterrose, welche die umgebenden Häuser überragten. So völlig farbig gesehen, verliert die Luft ihre Klarheit und wird dunstig, in einigen Bildern sogar zu Nebel verdichtet. Eine ähnliche Aufgabe stellte sich Monet in seinen Ansichten des Londoner Parlaments. Der ihm geistesverwandte William Turner hatte das brennende Parlamentsgebäude 1834/5 in Aquarellen und Gemälden festgehalten und bereits die Architektur dramatisch in Licht und Farbe aufgelöst. Monet dagegen schildert kein Drama und kaum eine Bewegung. Die Gebäude verlieren sich als unterschiedlich dichte Schatten im farbigen, von der Themse aufsteigenden Nebel.

Blaue Heuhaufen, rote Fassaden - Monets analytisches Sehen ist subjektiv. Die Farbigkeit seiner Bilder beruht nicht auf einer unvoreingenommenen Momentaufnahme. In seinen Briefen schreibt er selbst, welche Einflüsse seine Malerei beeinflussten. London zum Beispiel war für ihn keine Stadt, die in klarer Luft und bei hellem Licht zu sehen war. Selbst retinale Malerei, die sich völlig auf den Augeneindruck konzentriert - beim Malen wie bei der Betrachtung -, wird von mentalen Einstellungen vorgeformt.

Monets analytisches Vorgehen wurde u.a. von Robert Delaunay und Josef Albers fortgesetzt. Albers versucht nicht wie Monet, den farbigen Effekt nachzuvollziehen, sondern ihn zu erzeugen, an der Grenze zweier kontrastierender Farbflächen. Albers' "Hommage to the Square" war von vornherein als didaktische Serie gedacht. Monet betonte den seriellen Charakter seiner Bilderfolgen gewiß weniger stark. Trotzdem erschließt sich die Wirkung seiner Arbeitsweise erst im Vergleich von Ensembles. Genau diese Vergleichsmöglichkeit verweigert die Balinger Ausstellung weitgehend. Lediglich ein Bilderpaar zeigt zwei Versionen des Londoner Parlaments.

Claude Monets Bilder lassen sich nicht allein farbanalytisch begreifen. Einige Werkgruppen heben das Motivische stärker hervor. Monet war fasziniert von der Seine-Landschaft und vom Meer. Der Ausstellungskatalog enthält eine Karte der bevorzugten Ausflugsorte an der Kanalküste sowie im Binnenland zwischen Fontainebleau (an der Seine, oberhalb von Paris) und Rouen. Etliche von ihnen wurden von Monet besucht. Mit seiner Familie zog er bereits 1883 nach Giverny. Das Wasser, zwischen Klippen, Felsen und Uferpflanzen, bietet nicht nur ein Farbspektakel sondern auch ein Spiel permanenter Veränderungen. Vom leblosen Oberflächenspiegel eines trägen Flußlaufs bis zur heftigen Brandung erlebte Monet jedes mögliche Stadium. Weniger als ein Drittel der dreiunddreißig in Balingen gezeigten Gemälde widmen sich nicht diesem Element; deshalb läßt sich in der Ausstellung Monets differenziertes Anschauungsvermögen gut ablesen.

Zwar ist die Anzahl der ausgestellten Werke gering, sie könnte aber einer konzentrierten Ausstellung durchaus genügen. Die hier getroffene Auswahl enttäuscht allerdings. Sie ergab sich aus dem Bemühen, möglichst jede Schaffensphase nach den Entwicklungsjahren mit wenigstens einem Bild zu repräsentieren. Nun hängt eine bunte Mischung aus der Wundertüte an einem Leporello mobiler Stellwände aus dem Messebau. Veranstaltungslokal ist die Stadthalle, deren Inneneinrichtung samt braun gebeizter Wandvertäfelung einer Anwaltskanzlei, nicht aber einem öffentlichen Raum angemessen ist. Die Staatsgalerie Stuttgart entlieh zwar, als einzige deutsche Sammlung, ein Gemälde aus ihrem Magazinbestand; anstatt einer schriftlichen Anfrage des Veranstalters entsprach das Haus aber einer direkten Intervention des Landesvaters Erwin Teufel. Nicht allein konservatorische Gründe verhinderten weitere Leihgaben. Zu durchsichtig entpuppt sich die Veranstaltung als aufwendige Fremdenverkehrswerbung. Kunstgenuß und Waldspaziergang auf der schwäbischen Alb sollen Gäste locken. Deshalb wurden alle Möglichkeiten ausgelassen, welche Monets Malerei mit anderen Kunstwerken vernetzen könnten. Von allen Arten der Kunstbetrachtung ist in Balingen nur die der Zerstreuung möglich, und sie allein rechtfertigt den Aufwand nicht. Am Verkaufsstand wird ein Monet-Kalender für 250,-DM angeboten. Geschmackvoll gerahmt, würden diese Kunstdrucke die Wände der Stadthalle vorteilhaft zieren.

Ausstellung Stadthalle Balingen: Claude Monet 1840-1926.

Bis 31.8.1992 Katalog 48,-DM

 

Manuskriptfassung. Zuerst erschienen in der "tageszeitung", 24.8.1992

Christoph Danelzik-Brüggemann

 

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letzte Änderung: 18.8.2004