In der Mythenmühle. Die Ausstellung "Marianne und Germania. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten - eine Revue" dient den Berliner Festspielen als kunsthistorischer Zweckbau und Politparcours zugleich

Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Albertville 1992

balancierte ein Mädchen auf einer Säule und sang die Marseillaise. Als am

vergangenen Wochenende Umberto Bossi die Republik Padanien ausrief, assistierte

ihm beim Weiheakt ein Mädchen. Das weibliche Element in der politischen

Symbolik hat eine lange Tradition. Auch bei den Berliner Festwochen bilden leblose

Politladys, die beiden Nationalfiguren Marianne und Germania, den roten Faden.

 

Marianne ist eine Erfindung der Revolutionszeit, eine Kreuzung aus der "Francia"

des Ancien regime und der Verkörperung des Volkes. Germania avancierte zur

Madonna des deutschen Nationalbewußtseins, als deutsche Publizisten und Künstler

neue Formen der Staatsrepräsentation aus England und Frankreich übernahmen. In

Frankreich diente Marianne als offizielles Symbol: Aus der Vielzahl an Büsten,

Statuetten und Gemälden ragt der monumentale Gipsabdruck des Kopfes von

Francois Rudes "Marseillaise" vom Arc de Triomphe heraus. Aus der Nähe

betrachtet, kippt das Pathos der Figur ins Groteske.

 

In Deutschland konnte Germania Teil des staatlichen Kultes erst in der Zeit der

Reichsgründung werden. Hier dominieren rückwärtsgewandte politische Utopien

und Todessehnsucht. Im goldenen Zeitalter Deutschlands, so wollen es die Maler,

wachte Vater Rhein über die Weinlese; Odin persönlich fuhr aus den Wolken, um

die gefallenen Germanen nach Walhalla zu geleiten. Zwischen Kriegsgedröhn und

Zwergenromantik schiebt sich mit Fantin-Latours "Rheingold" ein Gemälde, das

über die historische Illustration hinaus sehenswert ist, weil es die kulturelle

Wechselbeziehung beider Länder widerspiegelt.

 

Ausgerechnet Goethe und Schiller werden als Vermittler zwischen den Kulturen der

Revolutionszeit angeführt. Jener amüsierte sich mit Dramoletten wie dem

"Bürgergeneral" über die Revolution und erwärmte sein Herz im übrigen mehr an

Italien als an Frankreich. Schiller erhielt einen Ehrenbürgerbrief der Französischen

Nationalversammlung, doch der Geehrte mochte sich nicht einbürgern lassen. Hier

werden untaugliche Zeugen angeführt. Georg Forster dagegen fehlt. Er war einer

der vielseitigsten und modernsten Gelehrten seiner Zeit: Ethnologe, Publizist und

Politiker in der Mainzer Republik. Das Tagebuch seiner Niederrhein-Reise von 1790

ist die interessanteste der damaligen Publikationen zum Thema

Frankreich-Deutschland. Forster betrieb über die Zeitgeschichte hinaus

Inlands-Ethnographie; nebenbei "entdeckte" er das mittelalterliche Rheinland mit

seinen Burgen, Kirchen und dem Kölner Dom. So lieferte er der Romantik den

Stoff, aus dem sie ihre Welt schuf.

 

Im 19. Jahrhundert wechseln sich Politik und Kultur als dominierende Kräfte im

Verhältnis der Länder ab. Den Napoleonkult setzt die Ausstellung fort mit Reliquien

wie seinem Feldbett und dem Sattel seines Krönungszuges. Gleichzeitig

konterkarieren Widersprüche das Heldenbild: sein Caesaren-Pomp und die

Hekatomben der napoleonischen Kriege. Zwischen 1806 und 1815 politisierten sich

die Nationalisten in Deutschland. Sie meuterten gegen die von Frankreich gelenkten

Fürsten und bereiteten mit ihrer Agitation die Befreiungskriege 1813-15 vor. In den

Zwischenkriegsphasen fraternisierten die Intellektuellen. Die Brüder Humboldt,

Tieck und andere reisten nach Paris, Madame de Stael schrieb ein folgenreiches

Buch "Über Deutschland". Dabei ergeben sich durchaus Überraschungen, etwa

wenn ein Gemälde Caspar David Friedrichs neben Frühwerken Arnold Böcklins

hängt. Die schönsten Rhein-Veduten stammen von Victor Hugo.

 

Seit den späten 20er Jahren wurde Politik wieder zum öffentlichen Geschäft. Heine

und Börne gingen ins Pariser Exil. Von dort nahmen sie Einfluß auf die

intellektuellen Debatten in Deutschland. Die schleichende Politisierung scheinbar

unschuldiger Themen wird als "Vermächtnis des Mittelalters" gezeigt. Ab der

Jahrhundertmitte war der ideologische Graben zwischen den Nationen kaum noch

überwindbar.

 

Während Giacomo Meyerbeer in Paris und Berlin gefeiert wurde, entbrannte ein

Liederkampf, der seinen Teil zur Kriegseuphorie von 1870 beitrug. Französische

Pleinair-Malerei wurde von gewissen Kreisen abgelehnt, während Künstler wie

Menzel, Liebermann oder Leibl den Nötigungsversuchen trotzten, nicht in

Frankreich auszustellen. Auch Hugo von Tschudi, dessen Verdienste um die

Aufnahme der modernen französischen Kunst in der zweiten Festwochenausstellung

gewürdigt werden, mußte sich heftiger Anfeindungen seiner Sammlungspolitik

erwehren.

 

Der von der Ausstellungsregie gewählte Rhythmus verdeutlicht, wie vielschichtig

die Beziehungen sich darstellten. Hegel und Proudhon, deren Porträts einträchtig

nebeneinander hängen, sind Teil eines Diskurses. Das militaristische Pathos und der

Bilderkrieg sind jedoch spektakulärer als die Zeugnisse interkultureller Begegnungen

in den Pariser Salons und in deutschen Konzerthäusern. Wie auch bei anderen

historischen Ausstellungen wird der Gropius- Bau mit Bildern aufgerüstet.

 

Zwei Einschränkungen bestimmen die Revue. Mit rund 650 Exponaten wird die

politische und militärische Geschichte mit dem intellektuellen Diskurs umfänglich

verwoben: Napoleon trifft Wieland, hie ein Hermanns-, da ein

Vercingetorix-Denkmal. Äußerst unglücklich ist es dabei, die Hälfte der etwa

hundert gesondert ausgestellten Karikaturen als Reproduktionen zu zeigen. Fraglich

bleibt aber auch die Basis des deutsch-französischen Verhältnisses: "Marianne und

Germania" zeigt Identitäten anstatt Mentalitäten. Hypertroph die politische Ästhetik -

in welche kulturellen und sozialen Niederungen reicht sie hinab? Das Leben mit einer

stets gefährlichen Staatsgrenze, Beeinflussungen des Alltags, eigensinnige

Aufnahme von ästhetischen und agitatorischen Angeboten bleiben ebenso ausgespart

wie das Fortleben von Errungenschaften der Französischen Revolution von Baden

bis zum Rheinland. Aus dieser konzeptionellen resultiert die zeitliche Beschränkung,

weshalb die Ausstellung mit der Reichsgründung endet, also vor dem Ersten

Weltkrieg. In Berlin scheint Preußen die Erfüllung der Geschichte zu sein.

 

"Marianne und Germania" bis 5. Januar 1997, Martin-Gropius-Bau,

Berlin. Katalog: 48 DM

 

Christoph Danelzik-Brüggemann

 

zuerst, unter dem Titel "Kein Platz für Mentalitäten", abgedruckt in der "tageszeitung",

21.09.1996, S. 16

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letzte Änderung: 18.8.2004