Die hängenden Flügel Amors der trauernden Genien

 

Auf siebeneinhalb Quadratmetern spielte sich ein barbarisches Gemetzel ab: das Festinjagen bei Bebenhausen, gemalt vom Württembergischen Hofmaler Johann Baptist Seele (1813/14). Neobarocke Anwandlungen des Duodezkönigs Friedrich wurden mit solchen Vergnügungen befriedigt. Die von Seele in Tapetengröße festgehaltene Jagd war besonders grausam: 832 Tiere wurden von den Jagdgästen in einer Arena im Grünen binnen zweier Stunden zusammengeschossen. Wegen der heftigen öffentlichen Kritik an diesem Jagdvergnügen wurde sie nicht mehr wiederholt. Andererseits war Seeles Erinnerungsbild im 19. Jahrhundert als Reproduktionsstich beliebter Zimmerschmuck in Schlössern und Wirtshäusern, weil seine Malerei detailfreudig war und Landschaft wie Atmosphäre einfühlsam schilderte. Daß der Maler das Leiden der Tiere in den Vordergrund rückte, berührte offenbar viele ZeitgenossInnen nicht.

Seele, dessen Ruhm seine Lebenszeit (er starb 1814) nicht überdauerte, vertrat eine für seine Zeit typische Malerei: sie verband Genreszenen mit Zeitgeschichte und rückte Menschen und Umwelt der Heimat in den Blick. Als Chronist der napoleonischen Kriege wurde Seele bekannt; sein durch extreme Nahsicht bezwingendes Bild vom "Kampf der Russen und Franzosen auf der Teufelsbrücke" in einer Alpenschlucht tauchte noch vor wenigen Jahren in einer Werbeanzeige eines Chemiekonzerns auf, welche die Legende von der "guten alten Zeit" damit korrigierte.

Einer gänzlich anderen Ästhetik folgt das Historienbild "Elektra, Orest und Pylades" desselben Malers. Die der Orestie entnommene Szene zeigt die ganzfigurige Dreiergruppe vor den Stufen eines Tempels. Stillgestellte Handlung, antike Motive - Seele wilderte in fremden Gefilden, nämlich im Revier der "Schwäbischen Klassizisten", die ihren Kollegen gerne als "Soldatenmaler" abqualifizierten.

Diese regionale Spielart des Klassizismus hatte ihr Zentrum in Stuttgart. An der "Hohen Carlsschule" war innerhalb von zwei Jahrzehnten (bis 1793) die württembergische Bildungselite herangeprügelt worden. Zu den geschundenen Eleven zählten neben Friedrich Schiller die Hauptvertreter der in der Ausstellung portraitierten Kunst: Johann Heinrich Dannecker, Joseph Anton Koch, Christian Gottlieb Schick und andere. Einflüsse aus Paris und Rom waren nötig, weil in der Kunst in Deutschland die renommierteste Gattung, die Historie, kaum geübt wurde.

Von den Studienreisen in die Kunstmetropolen zurückgekehrt, schrumpfte das künstlerische Vermögen der meisten ArtistInnen rasch, denn in der süddeutschen Provinz fanden sie weder genügend Anregungen noch KäuferInnen ihrer Historien.

Eine Ausnahme bildet die Troika Dannecker, Koch (der sich in Rom niederließ) und Schick. Allen dreien widmete die Staatsgalerie bereits große Werkschauen. Trotzdem dominieren sie auch diese Ausstellung. Denn die übrigen KünstlerInnen können eine Veranstaltung von hoher Ambition nicht tragen. 300 Exponate wurden zusammengetragen, um den 150. Gründungstag der Staatsgalerie zu feiern. Es ist nicht ganz einsichtig, weshalb der Anlaß nicht dazu genutzt wurde, um der Geschichte des Hauses nachzuspüren. Eine Überblicksschau zum "Schwäbischen Klassizismus" bedarf keines Anlasses, sie zählt zum musealen Pflichtprogramm. Dieser Aufgabe wurde redlich entsprochen. Momentan dürften einige württembergische Sammlungen leerstehen, während in den drei Ausstellungsräumen der Staatsgalerie kein Fleck frei blieb.

In dieser Üppigkeit haben es überraschende Objekte schwer, sich bemerkbar zu machen. Hervorzuheben ist der Aufbau der Zimmerkenotaphe von Philipp Jakob Scheffauer und Johannes Klinckerfuss. In den Jahren um 1800, als es für die Menschen viel Gelegenheit zu trauern gab, waren in der Kunst Todesmotive sehr beliebt. Als der Busenfreund des Herzogs Friedrich, Reichsgraf von Zeppelin, im Jahr 1801 starb, erhielt er ein dem Pantheon nachgebildetes Mausoleum. Es enthielt auch eine Grabstätte für den Herzog enthielt. Mehr noch: für dessen privates Gedenken an den Freund ließ Friedrich zwei buffetartige Schreine anfertigen. In seiner Funktion als Zimmerdenkmale sind die Kenotaphe ebenso einzigartig wie in ihrer Gestaltung: eine Mischung aus antikem Sarkophag und Schreibschrank; auf der Schauseite eine Gouache des nächtlichen Mausoleums, und bekrönt wird das Ganze von der bronzierten Gipsstatue einer "trauernden Freundschaft".

Trauer, Freundschaft und Gips - diese Stichworte eignen sich gut, um Wanderungen auf eigene Faust durch den Stuttgarter Kunsthain zu unternehmen. Sämtliche Affekte ließen sich im Gips verklären. Gipsern wirken auch viele Gemälde. Amors Taubenschwingen striffen Psyches Schmetterlingsflügel - vollkommenes Bild der sinnlichen Liebe. Selbst die Landschaften wurden heroisiert. Dagegen blieb das naturalistische bildliche Erzählen den Darstellungen des Krieges und des Lebens der Unterprivilegierten vorbehalten.

Gelegentlich zeigt sich, daß die marmorne Glätte der klassizistischen Bildersprache die zeitgenössischen Krisenerfahrungen nur transzendierte, aber nicht ignorierte. Eine Huldigung an seine Zeit schuf Joseph Anton Koch: eine "Gebirgs- und Waldlandschaft mit Liebespaar und Faun", gemalt von "Koch 1792 im 4 Jahre der Freiheit".

Bislang unpubliziert. Geschrieben am 1.7.1993

Christoph Danelzik

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letzte Änderung: 27.2.1997