Kunst nach Din-Norm. Neue Werke von Friedrich Gräsel im Folkwang-Museum Essen

Wer einmal die Gelegenheit hatte, sich in neuen Fabrikhallen umzusehen, konnte sich begeistern für die unter den Dächern montierten Installationen. Kilometerlang verlaufen mächtige und doch elegante Rohrleitungen aus silbrigem Stahlblech.

Wo das Alltägliche schön wirkt, ist der Schritt zur Kunst klein. Friedrich Gräsel arbeitet seit fast dreißig Jahren an der Grenze von Industrie und Ästhetik.

In einer Ausstellung des Folkwang-Museums sind Gräsels neueste Arbeiten zu sehen. Im Mittelpunkt stehen drei Edelstahlskulpturen, die den Ausstellungssaal mühelos füllen - von ihrer Größe her sind sie als Freiplastiken gedacht. Für die Essener Installation ließ sich Gräsel etwas Besonderes einfallen. An einer Wand hängen drei Grafikgruppen, mit denen seine Stahlröhren korrespondieren. Schon immer verlangten seine Plastiken, daß der Betrachter sie unter verschiedenen Blickwinkeln ansehe. Das Arrangement in Essen erzwingt dieses aktive Betrachten geradezu. Gräsel, den schon lange die Farbigkeit des Stahls interessiert, hat in den Grafiken Formenelemente und Farbtöne der Skulpturen umgesetzt, die aus bestimmten Blickwinkeln wiedererkannt werden können. Trotz ihrer minimalistischen Klarheit sind die Werke nicht eindeutig. Sie wirken massig und elegant zugleich. Und ihre Herkunft aus der Stahlfabrik gerät fast in Vergessenheit, weil der Künstler den Metallflächen lebendigen Glanz verlieh. Anhand von Modellen ist zu sehen, daß Gräsel mehr bezweckt, als Kunst fürs Auge zu machen. Er variiert die Röhrenform ständig, um aus ihr abstrakte Ordnungen zu entwickeln.

Friedrich Gräsel, 1970 Konrad-von-Soest-Preisträger, stellt an seine Kunst einen hohen sozialen Anspruch, der sich auch im Herstellungsprozeß zeigt. Seine Ideen empfängt er von Formen, die er in Firmenkatalogen und auf Stapelplätzen findet. Gemeinsam mit den Technikern eines Stahlwerks entwickelt er sie weiter, und so kommt es, daß mitunter ein echter "Gräsel" von einigen Arbeitern mitsigniert wird. Gräsel ist abhängig von technischen und ökonomischen Bedingungen, wie jeder andere Kunde der Firma auch. Das Material des Künstlers, er arbeitet mit Standard-Halbzeug, erweitert sich gleichsam um den industriellen Herstellungsprozeß.

Friedrich Gräsel hat seinen 1965 begonnenen Weg nie verlassen. Kunst heißt für ihn, aus den Dingen Gesetzmäßigkeiten freizulegen. Bei ihm ist die Schönheit des Kunstwerks ein Produkt der Ordnung. (Bis 31. Oktober 1993; der Katalog kostet 10 Mark)

 

 

Manuskriptfassung. Zuerst erschienen in den Westfälischen Nachrichten, 1993

Christoph Danelzik-Brüggemann

 

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letzte Änderung: 18.8.2004