Stimme aus dem nichts. Ein Frauenberuf wird ausgestellt. "Fräulein vom Amt" im Postmuseum Frankfurt.

Nach der Postreform führte die Telekom zwei bemerkenswerte Neuerungen ein. Einerseits ersetzt sie in der Telefonauskunft eine Anzahl der Arbeitskräfte durch Sprachcomputer, andererseits gönnt sie allen zahlungskräftigen KundInnen das Vergnügen der Handvermittlung. Zwar ist diese Art des Telefonierens etwas umständlicher als das Selbstwählverfahren, doch begrenzt der "human touch" die Gefahr wachsender Entfremdung im Kommunikationsprozeß.

Angesichts dieses postalischen Rösselsprungs, bei dem der Sprung in die Zukunftstechnologie mit einem Rückschritt in die Anfänge der Telekommunikation verbunden ist, ist es erhellend, den ganzen Weg zu verfolgen, der vom Klappenschrank zum Mikrochip führte.

Im Frankfurter Postmuseum wird ausgestellt, was im Grunde unsichtbar ist - nämlich reine Stimme. Aber nicht nur dieser technische Aspekt interessiert, sondern auch ein soziologischer, denn in der Telefonistin erstand ein Frauenberuf. Der Blick durch den Telefonhörer in die Arbeit der Vermittlungsämter erfaßt denn auch beide Teile.daumennagel 6 kb mit link zu einem fräulein vom amt

Ein Telefonat kommt über die Verbindung zweier Leitungen zustande. Was heutzutage automatisiert in Relaisstationen abläuft, teilweise auch schon in Großrechnern, war vor Jahrzehnten noch Handarbeit. Wenn Frau A. Herrn B. anrief, sandte sie per Handkurbel einen schwachen Strom zum Amt, wo an einer Vermittlungsstelle eine Klappe fiel. Eine Telefonistin stöpselte sich ein, und nachdem sie den gewünschten Anschluß erfahren hatte, verband sie die "Klinken" des anrufendenen und des anzurufenden Abschlusses. Bis zur Erfindung des Selbstwählverfahrens blieb dieses Prinzip gültig. Ein Quantensprung war fällig, als jede Telefonistin an ihrem Schrank 10000 Leitungen bearbeiten mußte. Um 1910 herum wurde in Großstädten die Arbeit in Gesprächsannahme und -verbindung geteilt. Dadurch vereinfachte sich die Suche nach dem richtigen Anschluß, aber die Arbeit beschleunigte sich erheblich. Männer, die in den 1880er Jahren noch die Vermittlungsstellen dominierten, waren für solche Tätigkeiten völlig ungeeignet.

Frauen besaßen vier Vorteile gegenüber den Telefonisten: ihre Stimmlage war zur elektrischen Übertragung günstiger, ihr Temperament wirkte angesichts der zahlreichen technischen Pannen mäßigend, weibliche Stimmen waren den Gesprächsteilnehmern sympathischer; ausschlaggebend war schließlich, daß bis 1922 Telefonistinnen als unterbezahlte Hilfskräfte ohne Aufstiegschancen beschäftigt wurden und nicht mit den Beamten konkurrierten.

Großfotos und eine Installation präsentieren in Frankfurt das Werk der Telefonistin als typische Frauenarbeit. Lange Reihen von Arbeiterinnen an Nähmaschinen und Schreibkräfte in Großbüros - die Strukturen glichen sich. Um festzuhalten, was kaum überliefert ist, haben die Ausstellungsarchitekten das Schattenbild einer Vermittlungsstelle an die Wand gemalt. Vor ihr liegen Erinnerungsalben, in denen Einzelschicksale nachzulesen sind, z. B. das der Marie B., in Nürnberg und Bamberg tätig zwischen 1896 und 1903. Nach einigen Jahren verdiente sie soviel wie ein gelernter Arbeiter; heiraten durfte sie nur mit Genehmigung der Behörde. Erst die Weimarer Verfassung hob den weiblichen Zölibat und andere Benachteiligungen der Frauen auf.

Siegfried Kracauers Geist schwebt über der Ausstellung. Er hatte in seiner Reportage über "die Angestellten" (1930) schon die Diskrepanz zwischen Arbeitsbedingungen und Lebensgefühl des Kleinbürgertums herausgestrichen. Das "Fräulein vom Amt", das in Revuen, Kinofilmen und auf Werbeplakaten der 1920er Jahre mit erotischem Touch das elektrisierende Großstadtgefühl verkörpert, ist ein real und fiktiv zugleich. Trotz einer mit dem Fließbandjob vergleichbaren Arbeit, war der den jungen Frauen konstatierte "Drang nach Draußen", zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, unübersehbar. Gegen mit der neuen Lebensweise verbundene Streßfolgen empfahl bereits 1926 die Firma Dallmann ihre Kola-Tabletten.

Eine der Folgen des Ersten Weltkriegs war die Entwicklung der "Psychotechnik", die von den USA ausgehend bald von der deutschen und niederländischen Post übernommen wurden. Handfest veranschaulicht ein Experimentierraum, auf welche Weise die Fernsprechämter ihre Telefonistinnen rekrutierte. An Originalgeräten kann, wer mag, testen, welche Reaktionsschnelligkeit mit ihr verbundene Ausdauer von den Probandinnen gefordert war.

Doch es genügte nicht, diese Hürde übersprungen zu haben. Obertelefonistinnen bedienten die Kontrollschränke (ein Exponat aus Groningen war schon 1916 im Einsatz), an denen sich der Arbeitseifer der "Fräuleins" mit Lichtsignalen verfolgen ließ. Durch unbemerkbares Mithören der Telefonate waren auch Privatgespräche unterbindbar.

Angesichts solcher Anforderungen verwundert es nicht, daß viele Frauen erkrankten. Von den Amtsärzten wurden die meisten Beschwerden abgewiesen; in den Krankenakten sind die Vorgänge nachzulesen. Sie sind alle Einzelfälle von einer solchen Fülle, daß schließlich ein medizinischer Diskurs in Gang kam.

Neben mechanischen Beanspruchungen wirkte sich der Streß aus. Hinsichtlich der aktuellen Diskussion über den Elektrosmog ist es interessant, die Debatte über Unfälle nachzuvollziehen, die durch den Einsatz der Elektrizität im Telefonnetz auftraten: Festgestellt wurden sowohl plötzliche starke akustische Erscheinungen, als auch elektrische Ströme, die aus der Telefonleitung auf den Körper geleitet wurden. Mit dem Totschlagbefund "Hysterie" wurde die Arbeitsmedizin der Beschwerden Herr.

Im letzten Teil der Ausstellung verschwindet das "Fräulein vom Amt" von der Bildfläche. Seit 1929 überwog die Zahl der automatischen Verbindungen diejenige der Handvermittlungen. In der Nachkriegszeit wurde diese Arbeit vollends automatisiert. Eine Nische entstand in der nunmehr nötigen Telefonauskunft. Der Rest ist Technikgeschichte - mit einer Ausnahme: endlich ist die Schallplatte zu sehen, die einer automatischen Telefonauskunft dient. Und wer den Chippendale-Hörer vom schwarzen Bakalit-Apparat abnimmt, hört eine Stimme, die eine längst verflossene Zeit ansagt: neunuhrsiebenundvierzig im Jahr 1935.

Bis 15. August 1993; Katalog: 39,-DM

Manuskriptfassung. Zuerst erschienen in der "tageszeitung", 8.7.1993

Christoph Danelzik-Brüggemann

 

zurück zur Textliste

zurück zur Anfangsseitezurück zur

Anfangsseite

 
letzte Änderung: 18.8.2004