Farbenfülle am Rande. Sam Francis in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn

"Farbe ist Licht auf Feuer". Mit diesem entflammten Bekenntnis zur Farbe bestimmt Sam Francis seine Hingabe an die Malerei. In den weißen Sälen des Bonner Kunsttempels entwickeln seine Gemälde deshalb eine ungeheure Lebendigkeit. Francis veranstaltet kein buntes Feuerwerk, in dem sich schreiende Farbtöne gegenseitig auslöschen. Im Gegenteil, er malt fast ökonomisch sparsam.

Als Sam Francis nach kurzer, weitgehend autodidaktischer Ausbildung in seiner kalifornischen Heimat zu Beginn der 50er Jahre in Paris frühen Ruhm erwarb, galt er als typisch amerikanischer Maler, obwohl er seine Vorbilder in Europa sah. Sein Geist ist zu anarchisch, als daß er sich in eine nationale Schablone einfügen lassen könnte. Francis arbeitet heutigentags in Los Angeles, in Europa und Japan. Seine Reiselust hat mehr als biografische Bedeutung, denn sie erklärt einiges vom Wesen seiner Kunst. Unabhängig von den Auseinandersetzungen, die in der Nachkriegszeit von New York bis Paris um informelle, konkrete und figurative Kunst stattfanden, gelangte er zu einer abstrakten Bildsprache, die sich nur schlecht vergleichen läßt mit der Malerei seiner Zeitgenossen. In beinahe monochromen weißen Tafeln suchte er den Grenzweg zwischen dem Verschwinden des Bildes und dem Aufscheinen des Lichts. Auf diesem Weg folgte ihm später Cy Twombly. Bald wandte er sich den Farben zu, mit einem seltenen Gespür für ihre Qualitäten, das an Henri Matisse erinnert. Seine frühen Bilder sind dicht und häufig stumpf. Ab 1955 klärt sich seine Malerei hin zu Licht und Leere. Wie nach dem buddhistischen Glauben im Mittelpunkt des Universums das Nichts ist, so drängte Francis allmählich die Materie an die Ränder der Leinwand. Über die leere Bildfläche gleitet das Auge wie über einen verschneiten See und springt zwischen den Gebilden, die manchmal auf artifizielle Weise organisch wirken. In "Blue Balls" (1961) erinnern die voneinander getrennten Kugelgebilde an kosmische Formen oder Embryonen in der Fruchtblase - Makro- und Mikrokosmos haben viele Gemeinsamkeiten.

Sam Francis ist ein vielseitiger Künstler. Bei aller formalen Beständigkeit seiner Malerei nahm und nimmt er ständig neue geistige Anregungen auf. Seine Experimentierfreude führte zu vergänglichen Bildern: mit Hilfe von fünf Hubschraubern ließ er ein Bild in den Himmel über Tokio malen, Skifahrer färbten nach seinem Entwurf eine Piste, ein Raketenprojekt scheiterte an den Kosten. Einige Jahre vor der Ökologiebewegung befaßte er sich bereits mit alternativer Energiegewinnung, ein weiteres Beispiel seines ganzheitlichen Denkens. In einer glücklichen Entscheidung erteilte ihm der Bundestag den Auftrag, das neue Parlamentsgebäude mit einem Wandgemälde zu bereichern. Hoffentlich wird es nicht als dekorativer Tapetenersatz mißverstanden, sondern mit seiner Botschaft ernstgenommen. Francis' Malerei bestätigt seinen Satz: Chaos ist eine Art von Perfektion. Es ist die einzige."

Bis 18. April 1993

Katalog: 78,-DM

Manuskriptfassung. Zuerst erschienen in den Westfälischen Nachrichten, 11.2.1993

Christoph Danelzik-Brüggemann

 

zurück zur Textliste

zurück zur Anfangsseitezurück zur

Anfangsseite

 
letzte Änderung: 18.8.2004