Im Dschungel der Vendée. Gaston Chaissac (1910-1964) im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal

Aufatmen in Wuppertal! Die Wolken sitzen auf den Dachfirsten, im Zoo ist auch nichts los - Schicksal eines Mittelzentrums. Zum Gähnen aber besteht kein Anlaß, denn im Museum wird eingeheizt. Dafür sorgt Gaston Chaissac. Er war, was die aufgeklärte Sozialpädagogik ‹unangepaßt" nennt.

Von Anfang an wird klar, was das für seine Kunst bedeutet. Den Anfang der Ausstellung bilden Totems. Mit ihren indianischen Vorbildern verbindet sie wenig außer ihren anthropomorphen Zügen. Ob sie würdig, ernst oder grimmig dreinschauen, sie sind immer komisch. Chaissac arbeitete so, wie Picasso es über sich kundgab: er suche nicht, er finde.

Quasi jeden beliebigen Gegenstand konnte er mit Farbe überziehen und verwandeln. Seine Figuren sah er in alten Weidenkörben, eine ist in eine Holzpantine gemalt und schaut hinaus wie das Kind aus der Wiege. Der Boden eines gepreßten Waschkessels gerät zur modernen Bocca della Verità. Fundstücke verarbeitete Chaissac nicht zu Skulpturen, sondern eher zu Bildträgern. Entsprechend hat es den Anschein, als wollte sich ein seltsamer Gegenstand durch das Gemälde hindurch an die Oberfläche der künstlerischen Realität vorarbeiten. Aus der Spannung von Bildträger und Bild, die an jüngere Arbeiten von Sigmar Polke denken läßt, resultiert die spielerische Magie der Objekte. In der Wuppertaler Inszenierung wird dieser Effekt gleich an zwei Stellen und sehr unterschiedlich verstärkt.

Vorwiegend kleinere Arbeiten hängen, raffiniert beleuchtet, an den Wänden des ersten Saales. In den übrigen Räumen des Ausstellungstraktes ersetzen Chaissacs Trolle die Bewegungsmelder in den Raumecken.

Ein geglücktes Experiment versetzt größere Totems in den Saal für Gegenwartskunst in der zweiten Etage des Museums. In ihm findet sich eine bunte Mischung der Kunst der letzten dreißig Jahre. Obwohl auch die Möglichkeit bestanden hätte, Chaissacs Werke mit der kleinen aber erlesenen Kollektion seiner Zeitgenossen bzw. Wahlverwandten Giacometti, Dubuffet und Lucebert zu paaren, begegnen sie nun Werken, die etwas zufällig den Weg nach Wuppertal gefunden zu haben scheinen. In einer Raumecke breiten sich Totems aus, die als Einzelwerke geschaffen wurden, jetzt aber den Habitus von Picassos ‹Badenden" annehmen. Dadurch wirkt der Raum wie ein Ableger der Stuttgarter Staatsgalerie. Hier werden die größten Distanzen überbrückt. Eines von Roman Opalkas asketischen Nummerbildern, ein Jahr nach Chaissacs Tod (1964) entstanden, monochrome Gemälde von Ian Davenport und Raimund Girke - verlangen sie nicht nach einem völlig anderen Sehen als dessen vitale Schöpfungen? Nicht das Sehen mit dem Verstand oder aus dem Bauch heraus sind die Gegensätze, sondern verschiedene Weisen des Zugangs zum Werk: Kontemplation auf der einen, Interaktion auf der anderen Seite. Auch unvermutete Verbindungen zu Chaissac ergeben sich: Rebecca Horns ‹Erika", eine mechanische Schreibmaschine, zum staksigen Insekt umgeformt, und ein Steinkreis von Richard Long, dessen tellurische Sinnenschwere einen Extrakt des elementaren Untergrunds von Chaissacs Kunst abgibt.

Weniger auffällig inszeniert als die Objekte, bilden Papierarbeiten und Gemälde den Schwerpunkt der Ausstellung. Unter ihnen ist eine Serie von Tuschezeichnungen aus den 40er Jahren, die das Alphabet der damaligen Avantgarde nachbuchstabiert und eine Nähe zum Surrealismus erkennen läßt, die sich in seiner Malerei wieder verliert. In Schreibbildern verbindet er schriftliche Mitteilung (Brief, Gebet) mit bildlicher Darstellung. Seine Gemälde fesseln durch ihre Prägnanz. Schon früh gelingen faszinierende Beispiele. ‹Figur mit großen Augen", eine Gouache aus dem Jahr 1939, plaziert den schwarz konturierten Körper vor eine purpurrote Fläche. Drei ausgeknallte Farben, schwarze Kontur - nur die Einfachheit der eingesetzten Mittel erzeugt die Magie dieses bannenden Blicks. Nur kurzzeitig versuchte Chaissac sich mit streng informellen Bildern. Zu Recht behauptete er dennoch, er sei ‹eigentlich kein Männchenmaler". Wenige figürliche Elemente zumeist regen die eigene Phantasie an. Es sind Fabelwesen, Menschen aller Stimmungen und Charaktere und manchmal auch Wesen, die zur ‹kindlich-naiv-inspirierten Zauberwelt des poetischen Künstlers" zählen, mit der etwas klischeehaft das Museum die Ausstellung bewirbt. Wer nur auf die Grimassen achtet, übersieht die teilweise schroffen Bildform en. Chaissacs Phantasie ist hart und nichts für die Kinderstunde.

Gaston Chaissac kam zufällig zur Kunst. Er wurde 1910 geboren, seinen Vater kannte er kaum. Chaissac verließ die Schule früh, versuchte sich in einigen Berufen, begann kurzzeitig eine Schusterlehre. Lieber las und wanderte er. Nach dem Tod seiner Mutter wurde er von seiner Familie unterstützt. Vergeblich versuchte er, als Schuster in Paris selbständig zu sein. 1937 kehrte er nach Paris zurück, wo er im Hause seines Bruders wohnte und sich mit seinen Nachbarn, den aus Deutschland emigrierten KünstlerInnen Otto Freundlich und Jeanne Kosnick-Kloss, anfreundete. Jener animierte Chaissac zum Zeichnen. Einige frühe Proben sind ausgestellt und zeigen bei aller Naivität bereits den unverwechselbaren Ansatz seiner späteren Werke. Freundlich und Kosnick-Kloss machten ihn in der Pariser Kunstszene bekannt, bereits 1938 stellte er in einer Galerie aus. Im selben und im darauffolgenden Jahr war er zu Sanatoriumsaufenthalten gezwungen, die er zum Malen nutzte. Nach seiner Heirat 1942 sorgte seine Frau Camille Guibert für den Lebensunterhalt. Als Lehrerin arbeitete sie in der Vendée. In dieser ländlichen Umgebung stieß ein Phantast wie Chaissac, der verrückte Dinge malte und Märchen schrieb, auf feindselige Ablehnung. Im fernen Paris hingegen war er weiterhin bekannt und beliebt. Außenseiterkunst, ‹Art brut" war ‹in". Jean Dubuffet, selbst ein Quereinsteiger, förderte Chaissac. Zahlreiche Artikel über ihn erschienen in der Zeitschrift ‹Aujourd'hui"; bis zu seinem Tod 1964 wurden seine Werke regelmäßig in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert. In seinem Todesjahr drehte das Deutsche Fernsehen ein Portrait des Künstlers. Dies klingt nach einer anständigen Künstlerkarriere, vom außergewöhnlichen Start abgesehen. Trotzdem hat sich Chaissac nie als Künstler wirklich etabliert. Er galt als 'von der anderen Seite', art brut eben, Künstler dank der Definition der Pariser Szene. In kaum einem Museum hängt eins seiner Werke - und heutigentags, wo Chaissacs Kunst fraglos anerkannt ist, sind sie zu teuer. Zwei Galerien haben den Markt aufgeteilt, die Galerie Messine versorgt französische, Galerie Nathan (Zürich) deutschsprachige Privatsammlungen.

1943, er arbeitete erst zwei Jahre als Künstler, erhielt Dubuffet eine große Einzelausstellung in der Galerie Drouin, indessen Chaissacs Werke, schon seit vier Jahren in Paris bekannt, im Keller zusammen mit ‹art brut" hingen. Dubuffet selbst gibt die Antwort auf die Frage, warum ein Künstler wie er problemlos in die Kunstwelt integriert werden konnte, Chaissac hingegen, dessen Kunst vergleichbar ist, außen vor blieb. Chaissac bediente die modische Vorliebe für unangepaßte Kunst, die ihren Ursprung in kulturfremden Milieus besitzt. Dubuffet selbst erkannte erst sehr spät, daß Chaissac nicht in diese Kategorie gehörte, da er am intellektuellen Leben Anteil hatte. In seiner künstlerischen Praxis aber erhielt er sich eine Freiheit und Eigenständigkeit, die seinen ZeitgenossInnen anstößig genug war, daß sie als Außenseiterkunst deklariert werden mußte.

Bis 24.11. 1996

Katalog 36,-DM

Weitere Station: Frankfurt, Kultur-Schirn 25.1.-6.4.1997

Christoph Danelzik-Brüggemann

zuerst erschienen in der "tageszeitung"

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letzte Änderung: 27.2.1997